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6. Zwischenergebnisse und Ergebnisse der Sektionen und Themen

Einführung in das Tagungsthema, Programm, Materialien, Zwischenergebnisse und Ergebnisse
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Diane Scherzler
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6. Zwischenergebnisse und Ergebnisse der Sektionen und Themen

Beitragvon Diane Scherzler » Do 16. Mär 2017, 12:16

Ergebnisse von Sektion I Thema 1: "Braucht die deutsche Archäologie einen Berufsverband?"
Debatte seit 9. 3. 2017, geschlossen 8. 4. 2017


Bereich des Konsenses unter den Teilnehmern:
    • Ja, die Archäologie braucht einen Berufsverband, weil das Modell einer Organisation als oder in einer Gewerkschaft mit seiner Polarität von Arbeitgeber und Arbeitsnehmern als alleinige Lösung nicht auf die Archäologie passt.
    • Ja, weil ein Berufsverband alle Archäologen gemeinsam bündeln könnte.
    • Ja, weil viele Kollegen als Selbständige, in Firmen oder durch Zeitverträge unter sehr schlechten Bedingungen arbeiten: schlechte Bezahlung, schlechte Verträge, Zeitarbeitsverträge. Das Fach muss sich zusammentun, um aus eige-ner Kraft Lösungen für diese drängenden Probleme des Berufslebens von Ar-chäologen zu finden.
    • Ja, weil bei vielen Kollegen die Perspektiven für die Zukunft sehr schwierig sind: Oft weit weg umziehen müssen (wg. Problem Kettenverträge; wg. problem Leiharbeit), wegen anhaltender Unsicherheit keine Familiengründung, kein Vermögensaufbau, sondern Altersarmut. Alle kennen die Probleme, doch aus (nachvollziehbarer) Furcht, den nächsten Job, den nächsten Vertrag oder Auftrag nicht zu kriegen, schweigt man individuell. Ein Berufsverband kann diese Probleme für seine Mitglieder debattieren und angehen.
    • Vielen Firmen geht es nicht anders: Sie würden gerne besser arbeiten, ihre Mitarbeiter besser bezahlen und ihnen bessere Bedingungen bieten. Nur: ein paar wenige schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln das archäologischen Handwerks halten, machen den Markt mit unseriösen Dumpingangeboten kaputt. Es braucht Regeln und Mindeststandards, die von allen Mitgliedern eingehalten werden, und die die schwarzen Schafe an den Rand drängen.
    • Ja, weil es den Wunsch gibt, selbst weiter zu lernen und sich fortzubilden und wiederum Examenskandidaten mit Zusatzangeboten von praxisbezogener Weiterbildungen besser auf den Beruf vorzubereiten. Diese Lücke könnte ein Berufsverband füllen.
    • Ja, weil ein Berufsverband ein starke Stütze darin sein könnte, die heimische Archäologie stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken und mehr Akzeptanz zu schaffen für eine Archäologie, die manchmal auch lästig ist und Geld kostet.
    • Ja, weil für die Betroffenen die derzeit weithin übliche Praxis von auf wenige Wochen oder Tage befristeten Verträgen, von Löhnen auf Mindestlohnniveau, von Grabungsleitungen als unbezahlte Praktika, von Scheinselbständigkeit, Zeitarbeitsfirmen u. ä. dringend einer Änderung bedarf, einer Änderung, die durch existierende Strukturen bislang nicht erreicht werden konnte.
    • Ja, weil ein Berufsverband (alias: berufsständische Selbstvertretung) die Chance bietet, dass die Fachleute selbst im Zuge eines demokratischen Prozesses über die fach-wirtschaftlichen und fach-ethischen Standards und Verhaltensregeln professioneller Arbeit bestimmen und deren Einhaltung garantieren.
    • Ja, weil es auch den Bedürfnissen der Amtsarchäologen entspricht und Aussicht auf Erfolg hat. Schließlich gibt es bereits erfolgreiche Modelle solcher selbstgesetzten Qualitätsstandards, z.B. das Gütesiegel für Museen (in Niedersachsen und Bremen).

Auf Lösungen "von oben" wurde vergebens gewartet und kann von dort tlw. auch nicht erwartet werden. Ein Berufsverband bietet die Chance, sich selbst wirksam zu organisieren, die Lage aus eigener Kraft zu verbessern. Ein Berufsverband würde alle Bereiche der Archäologie gemeinsam bündeln (staatliche Bodendenkmalpflege, Universitäten, Museen, Firmen, Ausgräber, Techniker, Wissenschaftler, für die Archäologie tätige Spezialisten). Er könnte Regeln setzen, an die alle sich kraft Selbstverpflichtung halten. Er könnte Verstöße gegen Ethik und Regeln durch Ausschluss aus dem Berufsverband ahnden. Ein Berufsverband wäre ein Garant für professionelles Arbeiten und Arbeitsverhalten in der Archäologie.

Thesen, die in den laufenden Themen derzeit kontrovers debattiert werden:
    • Nein, für eine wirkungsvolle Behebung der finanziellen Krise der Archäologie bedarf es eines verbindlicheren Zusammenschlusses als eines Berufsverbands, nämlich einer echten, öffentlich-rechtlich formierten Archäologenkammer. Oder?
    • Was genau soll denn ein neuer Berufsverband tun, was die bisherigen Strukturen im Fach nicht schon leisten können? Schließlich gibt es ja den Deutschen Verband für Archäologie (DVA) als gemeinsames Dach aller archäologischen Institutionen und Vereine. Oder?
    • Wie sollte sich ein neuer Berufsverband legitimieren? Und schicken wir dann den DVA oder den österreichischen Archäologischen Rat oder die Versammlung der Schweizerischen Kantonsarchäologen als Fürsprecher einer gemeinsamen Archäologie in Rente?
    • Hm, es gibt ja bereits Berufsverbände in der Archäologie, wie z.B. den BfK oder den VGFA. Vielleicht wäre es sinnvoll, bei bestehenden Vereinigungen und Verbänden anzuknüpfen und an aufgaben- und branchenspezifische Vertretungen zu denken, anstatt zu versuchen, alle Berufs- und Auf-gabenzweige innerhalb der Archäologie "unter einen Hut" bringen zu wollen. Oder?
    • Ein solcher Berufsverband muss mehr umfassen als "nur" die Archäologie, um schlagkräftig zu sein, da die Imageprobleme (Kultur kostet, ohne aktiven Nutzen zu haben; warum braucht es Geisteswissenschaften überhaupt; warum "lernen die nicht was Richtiges?" etc.) alle Geisteswissenschaften betreffen und so für einen reinen Archäologenverband eine zu große Aufgabe darstellen. Oder?
    • Es gilt die Kulturhoheit der Länder. Das Durchsetzen von Standards und Qualitätsbewusstsein wird doch nur gemeinsam mit den Landesarchäologien möglich sein, damit diese wiederum auf ihre Ministerialbürokratie einwirken. Also bundesweit koordiniert durch den DVA, aber in jedem der 16 Bundesländer einzeln. Oder?
    • Das dreht sich doch nur um die Grabungsfirmen, da könnten Standards im gemeinsamen Interesse nützlich sein. Warum aber sollten sich Landesämter für Bodendenkmalpflege, die Museen oder die Universitäten auf so etwas einlassen?

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 6. März bis 8. April.
Für die DGUF: Diane Scherzler, Frank Siegmund


Die vollständige Debatte findet sich dort: https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=25&t=46 Sie wurde per 8.4.2017 geschlossen.

DGUF-Dok_2017-04-08_Ergebnisse Tagung_I-1.pdf
PDF der Ergebnisse, Stand 8.4.2017
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Zuletzt geändert von Frank Siegmund am Sa 15. Apr 2017, 14:57, insgesamt 4-mal geändert.

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Ergebnisse zu Sektion I Thema 2: "Gewerkschaft oder Berufsverband: was ist die angemessene Organisationsform?"

Beitragvon Diane Scherzler » Do 16. Mär 2017, 12:19

Debatte seit 9. 3. 2017, geschlossen 8. 4. 2017

Thesen der Teilnehmer zu "Gewerkschaft"
    • Eine Archäologengewerkschaft ist sinnvoll für Arbeitnehmer in der Archäologie, da sie gezielt deren Interessen vertritt. Arbeitgeber und Unternehmer, Beamte und Selbständige finden darin jedoch keine angemessene Interessenvertretung. Eine reine Archäologengewerkschaft kann nur eine geringe Mitgliederzahl erreichen, da sie nur die Arbeitnehmer vertritt. Sie ist daher schwierig.
    • Es kann für Archäologen sinnvoll sein, sich individuell in jener bestehenden Gewerkschaft zu organisieren, die ihrem jeweiligen Arbeitsbereich entspricht und sich so für sie einsetzen kann.

Thesen der Teilnehmer zu "Berufsverband"
    • Ein Berufsverband ist sinnvoll, da er - anders als eine Gewerkschaft – die Anliegen und Themen aller Archäologen bündeln kann.
    • Ein Berufsverband ist sinnvoll, da er sich für die Förderung der Belange des ganzen Berufsstandes (und nicht etwa nur eines Teils wie z. B. der Arbeitnehmer) einsetzen kann.
    • Ein Berufsverband sollte wirklich die Anliegen und Themen aller in der Archäologie Beschäftigten bündeln, auch die der Grabungstechniker und Grabungsarbeiter.
    • Ein Berufsverband ist sinnvoll, da er nicht per Anordnung "von oben", sondern auf demokratischem Wege gemeinsam explizite Regeln aufstellt, die dann für alle Mitglieder gleichermaßen gelten.
    • Ein Berufsverband, der (anders als eine Gewerkschaft) alle Archäologen bündelt, könnte nicht nur die Qualität von Grabungsfirmen überprüfen, sondern sich auch so wichtiger Themen wie Beauflagung und Gestaltung von Ausschreibungen annehmen.
    • Ein Berufsverband ist sinnvoll, da er Orientierung und Kriterien schafft durch einen allgemein akzeptierten Wertekanon, auf den man sich berufen kann.
    • Kein bestehender Berufsverband wie z. B. der dArV (Deutscher Archäologenverband) konnte bisher genug Schlagkraft entwickeln. Was müsste diesmal anders werden?
    • Einem Berufsverband fehlt die nötige Verbindlichkeit. Daher muss eine verbindlichere, öffentlich-rechtlich konstituierte Archäologen-Kammer gegründet werden.

Organisatorischer Hinweis
Das Thema "Kammer oder Berufsverband" wird zu einem späteren Zeitpunkt noch vertieft diskutiert werden (Sektion VI Thema 3, 2. Mai ff.).

Nebendebatte Beteiligung DVA und andere Verbände
Abseits des eigentlichen Themas entspann sich eine lebendige Debatte darum, inwieweit als Dachverband der Deutsche Verband für Archäologie (DVA) und andere bestehende Organisationen wie z.B. der Deutsche Museumsbund von Anbeginn an hätten stärker einbezogen müssen, so jedenfalls forderte es ein einzelner Tagungsteilnehmer. Seines Erachtens wäre anstelle von Überlegungen in Richtung auf eine Neugründung die Arbeit innerhalb bestehender Strukturen weitaus wirksamer und auch realitätsnäher. Daher schlug er vor, die Gründung eines Fachausschusses zum Thema Berufsverband beim DVA zu beantragen. Die Tagungsorganisatoren verwiesen darauf, dass sie die genannten Verbände angesprochen und zur Mitwirkung eingeladen hätten und sich diese weiterhin an der Debatte im Forum beteiligen können. Andere Teilnehmer äußerten Zweifel, dass die bestehenden Nöte im Rahmen bestehender Organisationen wirksam, zupackend und schnell angegangen werden könnten.


Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 6. März bis 8. April.
Für die DGUF: Diane Scherzler, Frank Siegmund


Die vollständige Debatte findet sich dort: https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=25&t=47 Sie wurde per 8.4.2017 geschlossen.

DGUF-Dok_2017-04-08_Ergebnisse Tagung_I-2.pdf
PDF der Ergebnisse, Stand 8. 4. 2017
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Zuletzt geändert von Frank Siegmund am Sa 8. Apr 2017, 17:13, insgesamt 3-mal geändert.

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Zwischenergebnisse von Sektion II Thema 1: "Meine Geschichte, meine Erfahrungen"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 11:06

Zwischenergebnisse von Sektion II Thema 1: "Meine Geschichte, meine Erfahrungen"
Debatte seit 9. 3. 2017, Arbeitsstand 31. 3. 2017


Diesen Bereich hatten die Tagungsorganisatoren eingeführt mit: "Hier kann man seinen Frust und Zorn artikulieren, aber genauso auch starke und weiterführende Momente sowie gute Tipps für Kollegen in ähnlichen Situationen niederschreiben. Die Geschichten finden hier Gehör, und aus ihnen werden in Summe möglicherweise bislang vernachlässigte Perspektiven und Probleme deutlich, die stärker bedacht werden sollten." Erwartet hatten wir einige wenige persönliche Geschichten, entstanden ist ein zwar etwas chaotischer, jedoch ausnehmend lebendiger und facettenreicher Bereich der Tagung mit vielen wertvollen Beiträgen.
… den zusammenzufassen kaum möglich ist. Dennoch nachfolgend der Versuch, ein paar wichtige Themen und Eindrücke einzufangen.

  • Aus persönlichen Erfahrungen heraus wurden viele Geschichten vorgetragen, die um das Problem der befristeten Verträge / Kettenverträge kreisen, u.a. von Lisa Deutscher, Sascha Piffko, Falk Näth, Harry Callahan, Christoph Unglaub, Jasmin Rauhaus. Die Erfahrungen stammen aus mehreren Bundesländern und unterschiedlichen Kontexten und unterstreichen, dass es sich hier nicht um individuelle "Unfälle" oder gar ein Scheitern aus persönlicher Unfähigkeit handelt, sondern um ein weit verbreitetes Problem. Viele der Geschichten sind solche von Aus- bzw. Umsteigern, deren Leben sich dann erheblich verbesserte, als sie die immerwährende Jagd nach dem nächsten Vertrag aufgaben und sich bewusst ein anderes Umfeld (innerhalb oder außerhalb der Archäologie) gesucht haben.

  • "IndianaJoan" eröffnete eine ausnehmend lange und facettenreiche Debatte mit ihrem Hinweis darauf, dass es unter solchen Bedingungen mit kurzen Verträgen mit (zu) niedrigen Löhnen für Frauen zusätzlich zu besonderen Nachteilen komme, da viele Arbeitgeber wegen der Möglichkeit einer Schwangerschaft Frauen besonders ungern einstellen würden. "Felix" und Jens-M. Barke betonten, dass eine Familiengründung unter solchen Bedingungen kaum möglich sei. Birgit Anzenberger ließ aber durchblicken, dass es in der Archäologie auch Arbeitgeber(innen) gibt, die gerade auf Grund der besonderen Erfahrungen und Kompetenzen von Müttern diese für bestimmte Aufgaben für besonders geeignet halten.

  • Jadzia Dachs und der von ihr initiierte Diskussionsstrang legten dar, dass das weit verbreitete mangelnde Bewusstsein für das notwendigerweise andere Kalkulieren bei Firmen und Selbständigen auch im Bereich des Museumswesens ein großes Problem ist. Dort werden – offenbar vor dem Hintergrund des Lohngefühls von Auftraggebern aus dem öffentlichen Dienst – für freie Mitarbeiter allzu niedrige Honorare gezahlt und Kosten beispielsweise für Anfahrten ignoriert.

  • Eine sehr lange und lesenswerte Debatte begann mit der Frage von Falk Näth, Geschäftsführer einer Grabungsfirma: "Können Archäologen nicht rechnen?" Er wies darauf hin, dass nachhaltig wirtschaftende Grabungsfirmen von ihren Auftraggebern mehr verlangen müssten als das, was Arbeitnehmer z.B. im öffentlichen Dienst als "Bruttolohn" auf ihrer Lohnabrechnung lesen. In eine ähnliche Richtung entwickelte sich die Geschichte von "InTerraVeritas" mit der Überschrift "Rücklagenbildung und Arbeitsverhältnisse". Es folgte eine insbesondere von Firmenarchäologen getragene, sehr offene Debatte über Löhne, Kalkulation, Risikovorsorge, Vergabeordnungen etc., aber auch über offensichtlich unfaire Konkurrenzsituationen, die für Leser aus dem öffentlichen Dienst ausnehmend lehrreich sein könnte. Beide Erzählstränge fallen auch dadurch auf, dass sich hier Firmenvertreter aus entfernten Bundesländern (Niedersachsen, Hessen, Bayern) begegnen und Erfahrungen austauschen, obwohl sie sich im alltäglichen Geschäftsleben wohl kaum oder noch nie begegnet sind.

    Beide Debattenstränge ergaben einen so lebendigen und offenen Disput über Geld und Kalkulationen, dass die Tagungsorganisatoren das Thema "Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen" zusätzlich neu ins Programm aufgenommen haben (Sekt. III.3).
  • Aus einer von "Johanna" eingebrachten Geschichte resultierte eine längere Debatte um das Thema Vergabepraxis, die u.a. Regelungen emporspülte, nach denen ‒ entgegen einem weitverbreiteten Glauben und einer ebensolchen Praxis ‒ öffentliche Auftraggeber nicht notwendigerweise stets dem "billigste Anbieter" den Zuschlag erteilen müssen, sondern tatsächlich auch weitere Kriterien für die Bewertung von Angeboten berücksichtigen können ‒ wenn sie es denn wollen.

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung laufender Debatten.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


DGUF-Dok_2017-03-31_II-1.pdf
PDF der Zusammenfassung, Stand 31.3.20017
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Ergebnisse von Sektion II Thema 2: "Ehrenamt und Citizen Science"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 11:11

Ergebnisse von Sektion II Thema 2: "Ehrenamt und Citizen Science"
Debatte seit 20. 3. 2017, geschlossen 8. 4. 2017


Soll ein archäologischer Berufsverband auch Mitglieder aufnehmen, die nicht von dieser Tätigkeit leben und/oder keine universitäre archäologische Ausbildung haben, dennoch ehrenamtlich mitwirken und sich auf die Einhaltung der Qualitätsstandards verpflichten können?

Positionen
  • Ja, weil sich die Archäologie in einem Wandel befindet. Bürger sind nicht mehr bloße Konsumenten von wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern sie können u.a. dank der modernen technischen Möglichkeiten die Gelegenheit nutzen, ebenso deren Produzent zu sein. Dabei kann Citizen Science für die Archäologie auch ein Schritt hin zu einer wieder mehr gesellschaftsnahen, kommunikativen und transparenten Forschung. Diese wird ebenfalls immer öfter von Politik und Geldgebern gefordert und gefördert.
  • Ja, weil in Deutschland das gesetzlich geschützte Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit besteht (Art. 5 Abs. 3 GG bzw. Art. 17 StGG).
  • Ja, weil Landesämter nicht auf ehrenamtliche Mitarbeit verzichten können und auf Freiwillige angewiesen sind, die nach hohem Standard arbeiten.
  • Ja, weil Ehrenamtliche / Citizen Scientists und ausgebildete Archäologen gemeinsam ein ernsthaftes Interesse für die Archäologie verfolgen und diese fördern möchten.
  • Ja, weil durch Ehrenamtliche / Citizen Scientists externe Perspektiven und echte Partner für die Archäologie gewonnen werden können und diese ihr Fachwissen u.a. auch aus anderen Gebieten gewinnbringend für die Archäologie einsetzen können.
  • Ja, weil ein Berufsverband auch dem Gemeinwohl dient und kaum ein Bereich diesen Ansatz besser transportieren kann als Archäologie, Ehrenamt & Citizen Science.
  • Ja, weil durch die Integration von Ehrenamtlichen, der Begegnung auf Augenhöhe und dem Schritt zu einer Professionalität auf Seiten der Freiwilligen dazu beigetragen werden kann, dass weniger Interessierte als bisher sich in die illegale Ecke verabschieden. Daher sollte qualifizierten Ehrenamtlichen / Citizen Scientists, die professionellen Standards genügen, auch ein Mitspracherecht zugesprochen werden.
  • Ja, weil eine Integration von Ehrenamtlichen die Lobbyarbeit in Hinblick auf das Verständnis von Archäologie und Kulturgutschutz in der Gesellschaft fördert und unterstützt.
  • Ja, weil durch vermehrte Einbindung Ehrenamtlicher in die archäologischen Arbeitsabläufe der Bedarf für bezahltes Fachpersonal eher steigt als schrumpft (subjektive Wahrnehmung, leider keine Studie vorliegend). Denn Ehrenamtliche wollen nicht nur, sondern sie müssen auch betreut werden; wobei Betreuung im Sinne einer sowohl beiderseitig nützlichen als auch beiderseits produktiven Zusammenarbeit gemeint ist. Für die Betreuung werden wiederum Stellen zu schaffen sein.
  • Ja, weil ein Berufsverband eine breite Unterstützung und Finanzierung braucht und Ehrenamtliche / Citizen Science ebenfalls einen Mitgliedsbeitrag leisten würden.
  • Ja, weil "studiert vs. nicht-studiert" und "bezahlt vs. ehrenamtlich" tatsächlich nicht die entscheidenden Kriterien sind, "Archäologe" zu sein.
  • Ja, weil "heutzutage die politischen Belange von prekär beschäftigten Nachwuchswissenschaftler/innen eher mit jenen von Laienwissenschaftler/innen als von Professor/innen zusammenhängen" (Maria Theresia Starzmann, 2015, Kritische Archäologie).

Umsetzungsideen
  • Ähnlich wie beim CifA: Offenheit für Personen, die ihre Kompetenz auf anderen Wegen als durch ein archäologisches Universitätsstudium erworben haben. Im Verständnis des CIfA bedeutet der Begriff "professioneller Archäologe" nicht notwendigerweise jemanden, der als Archäologe angestellt ist und dafür bezahlt wird. Vielmehr kann ein "professioneller Archäologe" durchaus viele andere Dinge tun und beispielsweise nicht hauptberuflich oder auch in Teilzeit als Archäologe tätig sein. Das Kriterium ist nicht, ob man als Archäologe bezahlt wird, sondern ob man Archäologie angemessen praktiziert.
  • Erwerb von Referenzen, die an etablierten fachlichen Standards gemessen werden können.
  • Harte Kriterien schaffen für den Einsatz von Ehrenamtlichen, die sicherstellen, dass Ehrenamtliche / Citizen Scientists auch dann, wenn sie fachlich gut arbeiten, keine Arbeiten übernehmen, für die in der Regel ein Archäologe bezahlt wird.

Nebendebatte
Mehrere Tagungsteilnehmer betonen den großen Bedarf nach Fortbildung für Ehrenamtliche und beklagen das diesbezüglich zwischen den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedliche und vielerorts quantitativ erheblich zu geringe Angebot seitens der staatlichen Stellen. Ein Berufsverband könne (und solle) darauf drängen, Lösungen zu finden.


Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte, die am 8.4.2017 geschlossen wurde.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer, Sophie Rotermund

Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


DGUF-Dok_2017_04_08_Ergebnisse-II-2.pdf
DPF der Ergebnisse, Stand 8. 4. 2017
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Zuletzt geändert von Frank Siegmund am Sa 15. Apr 2017, 15:22, insgesamt 2-mal geändert.

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Zwischenergebnis zu Sektion II Thema 3 "Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 11:19

Zwischenergebnis zu Sektion II Thema 3 "Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen"
Debatte seit 20. 3. 2017, Arbeitsstand 15. 4. 2017


Gute Arbeit muss auch nachhaltig gut bezahlt werden. Als Einstieg in dieses nach dem Verlauf der vorangehenden Debatten neu ins Programm aufgenommene Thema wurde durch Falk Näth ‒ unterstützt von Sascha Piffko, Julian Decker und Frank Siegmund ‒ modellhalft kalkuliert, was eine Firma pro Stunde für die auf einer Grabung vertretenen Tätigkeitsgruppen verlangen müsste, damit das Lohnniveau ihrer Mitarbeiter in der privatwirtschaftlichen Archäologie mit den Löhnen der Kollegen im öffentlichen Dienst vergleichbar ist.

Nach einer sehr detailliert und damit an jeder Stelle in ihren Annahmen, Setzungen und Margen nachprüfbaren Kalkulation (nach VOB) ergaben sich folgende Stundensätze:
  • Wissenschaftler: 64,12 €/h zzgl. MwSt
  • Grabungsarbeiter: 32,85 €/h zzgl. MwSt
  • Nicht studierter Grabungstechniker: 39,06 €/h zzgl. MwSt
  • Studierter Grabungstechniker: 41,70 €/h zzgl. MwSt
(hier: https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=26&t=98#p795)

Darauf folgte eine lange, ausführliche Debatte insbesondere zwischen verschiedenen Grabungsfirmen sowie anderen mit Kalkulationen vertrauten Kollegen. Diese Debatte ist für alle erhellend, weil sie einmal ‒ bei allen Abweichungen im Detail ‒ eine starke Ähnlichkeit der nötigen Überlegungen bei den Grabungsfirmen verdeutlicht, und zugleich bei jenen, die nicht so tief im Geschäft sind, quasi wie ein Lehrbuch in wirtschaftlich nachhaltigem Arbeiten wahrgenommen werden kann.

Ergebnisse
  • Die eingehende Debatte zeigte auf: Die Modellrechnung ist in sich korrekt, und die dort ermittelten Stundensätze sind plausibel. Beispielsweise werden Geologen im Bauwesen ähnlich bezahlt (ca. 70-80 €/h) und der öffentliche Dienst stellt, wenn er Mitarbeiter "verleiht", vergleichbare Sätze in Rechnung (54-78 €/h für Mitarbeiter E13-14).
  • Sofern Einblick in Kalkulationen und Angebote anderer Gewerke im Tief- und Hochbau bestanden, wurden dort höhere Ansätze erreicht als in unserer Modellrechnung, d.h. mit mehr Marge und Sicherheit kalkuliert, und wohl auch mit höheren Löhnen für die Mitarbeiter.

  • Die Praktiker stimmten darüber ein, dass die Stundensätze unserer Modellrechnung derzeit am Markt nicht annähernd erzielt werden. Vielmehr wurden als relativ hohe, in guten Fällen tatsächlich erreichbare Ansätze genannt:
    - Grabungsleiter : 40 €/h
    - Techniker: 35 €/h
    - Grabungshelfer: 21 €/h
    also sogar in guten Fällen etwa 20 – 40 % weniger als notwendig.

Details & die Debatte unter den Praktikern
  • Die Debatte unter den Experten zeigte auf, dass einzelne Posten der Modellrechnung nennenswert tiefer angesetzt werden können, daraus aber resultieren oft: niedrigere Löhne für die Mitarbeiter; geringerer Leistungsumfang; ein sehr hohes Risiko für die Firma in Richtung Konkurs, wenn nämlich bei einem Projekt die Optimalannahmen nicht eintreffen.
  • Insbesondere können die in der Modellkalkulation angesetzten 40 % für Allgemeine Geschäftskosten (AGK) reduziert werden, da einige Ausgaben wie Raummiete, IT, Versicherungen, Steuerberater etc. auch deutlich geringer sein können als angenommen, was im Umkehrschluss auch zu günstigeren Angebotspreisen (einiger Mitbewerber) führen kann. Einiges kann zudem durch Privatwägen, Homeoffice und "Garagenarbeitsplätze" für die Fundbearbeitung gespart werden. Ein Ansatz der AGK auf ca. 20 % kann für eine kleine Firma noch angemessen sein, was einen Teil der großen Preisunterschiede bei Angeboten "klassischer Grabungsarchäologie" (ohne viel HighTech) erklärt. Er ist immer von der Ausstattung, der Organisationsstruktur, der Lage des Firmensitzes etc. abhängig, d.h. die jeweiligen Ausgangsbedingungen sind entscheidend. Ein Spielraum von 20-50 % für die AGKs lässt eine Menge Raum für Preisunterschiede, die nicht unbedingt im Zusammenhang mit Dumpinglöhnen stehen.
  • Die Seriosität einer Firma steht im direkten Zusammenhang mit einer seriösen Kalkulation der AGK. Sind diese sehr niedrig angesetzt, ist es durchaus erlaubt zu hinterfragen, ob z.B. der Arbeitsplatz und der Arbeitsbereich der Mitarbeiter sicher bzw. ausreichend ausgestattet sind.
  • Gesellschaftlich gesehen wäre eine "Einigung" auf 40 % sinnvoll, um die Archäologie aus ihrer gesellschaftlichen Randposition herauszuholen, da andere Branchen auch mit diesem Satz kalkulieren.
  • Es wurde daran erinnert, dass die Modellrechnung auf einem Anbieten nach VOB basiert und sich bei einer Vergabe nach VOL etwas andere (tiefere), aber durchaus ähnliche Überlegungen ergeben.
  • Es wurde daran erinnert, dass Selbständige (z.B. Pädagogen im Museumswesen) zunächst und punktuell deutlich tiefer anbieten können, letztlich aber ähnliche Kostenstrukturen haben.
  • Es wurde darauf hingewiesen, dass letztlich das Anbieten einer Grabung als Projekt, d.h. – nach sorgfältigen Leistungsdefinitionen und Abklärungen vorab – in Qudratmetern oder Kubikmetern für Firma wie Investor eine bessere Arbeits- und Planungsgrundlage bietet.
  • Es wurde untereinander von nicht sonderlich seriösen "Tricks" berichtet, wie man die Ansätze noch kräftig weiter nach unten drücken könne, um scheinbar der billigste Anbieter zu sein, am Ende aber dennoch halbwegs auf seine Kosten zu kommen. Stichwort: viele billige und in der Sache nicht wirklich gebrauchte Arbeitskräfte auf die Fläche stellen, dann gezwungenermaßen die Grabungszeit in die Länge ziehen, damit sich das Projekt für die Firma lohnt, …
  • Es wurde aufgefordert, nach der Vergabe bei öffentlichen Aufträgen regelhaft auf die Veröffentlichung von Submissionsergebnissen, d.h. der Konkurrenzangebote, zu pochen. So könne sukzessive wenigstens Transparenz geschaffen werden.
  • Es wurde daran erinnert, dass klare und praxisgerechte Vorgaben seitens der Fachämter sehr wichtig sind. Insbesondere exakte und seitens der Fachämter auch überprüfte Vorgaben hinsichtlich der Qualifikation der eingesetzten Mitarbeiter wären ein einfaches und wirksames Mittel, unseriösen Anbietern das Wasser abzugraben.
  • Es wurde daran erinnert, dass die Auflagen der Fachämter insbesondere zu ggf. sehr unterschiedlichen Nachsorgekosten führen können, z.B. bei Fundbehandlung, Fundübergabe.
  • Es wurde aus Erfahrung darüber berichtet, dass Flexibilität, Geschwindigkeit, Verlässlichkeit und Qualität in der Sache Leistungen und Werte sind, die erfahrene Auftraggeber / Investoren / Planungsbüros sehr zu schätzen wissen und dafür gerne auch höhere Preise in Kauf nehmen.
  • Es ist zu bedenken, dass es verschiedene Arten der Lohngestaltung gibt, wie etwa ein festes Gehalt für einen Grabungsleiter in einer Firma, in der er auch immer Grabungsleiter ist. Als Alternativmodell gilt das "Rollprinzip" – wo ein Mitarbeiter (bei ausreichender Qualifikation) je nach Auftragslage das ist, was gerade gebraucht wird, d.h. er füllt vom Grabungshelfer bis zum Grabungsleiter jede nötige Position. Aus einer solchen "Mischkalkulation" ergibt sich dann ev. ein Gehalt, das niedriger als das des "klassischen" (Nur-) Grabungsleiters, aber deutlich höher als das des "klassischen" Grabungshelfers. Bei allen direkten Lohnvergleichen muss auch dieser Aspekt berücksichtig werden.
  • Zum Vergleich wurden die in Großbritannien üblichen Ansätze eingebracht. Sie liegen (scheinbar) etwas tiefer und führen zu etwas niedrigeren Bruttolöhnen. Da jedoch die Abgaben auf niedrige Bruttolöhne in UK erheblich geringer sind als in D, resultieren daraus letztlich leicht bessere Nettoeinkommen der britischen Kollegen.

Die Debatte zeigt vielerlei Unterschiede zwischen verschiedenen Firmen in Randbedingungen, Tatsachen und Bewertungen auf. In Summe jedoch ergibt sich ein klarer gemeinsamer Befund:
  • Das Niveau der Preise, Margen und Löhne ist in der privatwirtschaftlichen Archäologie in Deutschland (erheblich) zu niedrig.
  • Diese Tatsache trägt bei jenen, die Einblick in die Zahlen haben (z.B. Hoch- und Tiefbau) auch zum geringen Prestige der Archäologie bei.

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung laufender Debatten.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


Achtung: Die Länge des Beitrags überschreitet inzwischen das zulässige Maximum. Die vollständige, aktuelle Zusammenfassung findet sich im anhängenden PDF:
Dateianhänge
DGUF-Dok_2017-04-15_Zwischenergebnisse-II-3.pdf
aktuelle Zusammenfassung, Stand 15.4.2017
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Ergebnisse von Sektion III Thema 1: "Was und wen was soll ein Berufsverband für die Archäologie umfassen?"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 11:32

Ergebnisse von Sektion III Thema 1: "Was und wen soll ein erfolgreicher Berufsverband für die Archäologie umfassen?"
Debatte seit 20. 3. 2017, geschlossen 8. 4. 2017


Es gibt bereits berufsbezogene Organisationsformen, in denen Archäologen Mitglieder sind, wie beispielsweise der Verband der Landesarchäologen, der Deutsche Museumsbund, der Deutsche Hochschulverband, der Verband der deutschen Archäologischen Universitätsinstitute, der Deutsche Archäologenverband. Einen umfassenden Zusammenschluss speziell für Grabungsfirmen oder einen Zusammenschluss für alle Bereiche der Archäologie gibt es noch nicht. Je spezifischer ein Zusammenschluss ist, umso kleiner ist er, kann aber auch genauer auf die Bedürfnisse der Mitglieder eingehen. Was ist also der richtige Ansatz – ein spezifischer Verband oder ein umfassender Verband für alle?

Wie soll ein Zusammenschluss aussehen?
  • These: er soll umfassend angelegt sein. Je mehr Mitglieder, desto schlagkräftiger ist ein Zusammenschluss. Größe ist wichtig, weil dann mehr Mittel (Mitgliederbeiträge) zur Verfügung stehen.
  • Für die Effizienz einer berufsständischen Vertretung braucht es hauptamtliche "Profis" (Angestellte).

Wer soll durch einen Zusammenschluss vertreten werden?
  • Alle "professionellen Archäologen" – gleich ob im öffentlichen Dienst, selbständig, als Dienstleister, in der privatwirtschaftlichen Archäologie oder in Universität / Forschung tätig. Gerade dem "Fußvolk" in der privatwirtschaftlichen Archäologie fehlt eine Selbstorganisation des Faches.
  • Alle Ebenen, die in der Archäologie tätig sind: Grabungsarbeiter, Techniker, Volontäre, Wissenschaftler, Direktoren und Professoren.
  • Alle Bereiche, in denen Archäologen arbeiten: Bodendenkmalpflege, Fachfirmen, Zeitarbeitsfirmen, Museen, Universität und Forschung, Dienstleister.
  • Es sollten sowohl Individuen als auch Institutionen aufgenommen werden können.
  • "Die Archäologie" ist das Ergebnis aller ihrer Teilbereiche, von der Ausbildung über die Bodendenkmalpflege, von der Ausgrabung über die Archivierung und Bewahrung, von der Aufarbeitung über die Forschung und Publikation bis hin zur öffentlichen Präsentation. Es ist im Interesse aller, eine garantierte und hohe Qualität über alle Arbeitsschritte des "Produkts Archäologie" zu erreichen, denn nur so kann für die Gesellschaft seriös wertvolles kulturelles Wissen generiert und bereitgestellt werden.
  • Auch die Möglichkeit einer Mitwirkung von Praktikanten, Studierenden und Ehrenamtlichen wurde debattiert, wiewohl hier keine Berufstätigkeit vorliegt.
  • Eine Offenheit für diejenigen Nicht-Archäologen, die oft für die oder in der Archäologie arbeiten (z.B. Anthropologen, Archäobiologen, Restauratoren), wurde debattiert; doch am Beginn des Projekts Berufsverband Archäologie kann dieser wichtige Bereich nicht die erste Sorge sein.

Debatte: "Etablierte" oder "Arrivierte" haben kein Interesse an einem Berufsverband
  • Es wurden eine Fülle von Vorurteilen in die Debatte eingebracht: "Etablierte" seien besorgt, dass "liebgewonnene" Machtstrukturen in Frage gestellt würden. Denn wer Macht habe, gebe sie ungerne ab. Für Kollegen in sicheren Positionen gebe es wichtigere Probleme als die Arbeitsbedingungen z.B. der Mitarbeiter in den Grabungsfirmen. Sie hätten ihren "Leidensweg" hinter sich und deshalb kein Verständnis dafür, dass es andere "nun leichter haben sollen". Sie könnten derzeit fachintern ungehindert und frei handeln, da es keine "Gegenwehr" vom "Fußvolk" gebe. Ein Berufsverband habe daher mit Gegenwehr der Arrivierten zu rechnen. Arrivierte in den Ämtern seien heute nur noch Verwalter von Archäologie, kaum noch ihre Entdecker und Erforscher; im Alltag müssten sie "lediglich" das Verursacherprinzip durchsetzen. Sie würden unter einem Identitätsverlust und dem Verlust der Deutungshoheit leiden, ein demokratisch konstituierter Berufsverband könnte ihren Einfluss und Status also noch weiter reduzieren.
  • Diesen Vorurteilen wurde in der Debatte von Seiten gut Etablierter deutlich widersprochen: Auch gut etablierte Archäologen haben ein hohes Interesse an guter Archäologie, sind um das Wohl Aller besorgt. Auch sie wissen, dass eine gute Archäologie nur gelingen kann, wenn für alle Kollegen beispielsweise soziale Mindeststandards erreicht werden. Ausgereifte und verbindlich eingehaltene Standards und eine Qualitätssicherung liegen im Interesse aller.
  • Wer sich nicht verändert, wird verändert. Die Gründung eines Berufsverbandes wäre ein Veränderungsprozess, der auch mit Widerständen zu rechnen hat. Kommunikation und Aufklärung sind daher wichtige Elemente. Es muss glaubhaft vermittelt werden, dass der angestrebte Wandel kein Angriff ist.

Wie kann ein Zusammenschluss möglichst zügig handlungsfähig werden?
  • Wie auch die Teilnahme an der Vortagung zeigt: In der privatwirtschaftlichen Archäologie ist der Leidensdruck und die Motivation sich für das Thema Berufsverband einzusetzen besonders hoch. Hier sind Strukturen noch nicht verfestigt, so dass keine starken Verkrustungen aufzubrechen sind. Zudem ist das praktische Grabungswesen derzeit der einzige Wachstumsmarkt in der Archäologie. Ein Start aus dem Milieu der privatwirtschaftlichen Archäologie heraus könnte demnach schnell gelingen.
  • Möglicherweise böte ein deutscher Ableger des britischen CIfA einen guten Ansatzpunkt. Hier könnte man auf hauptamtliche Profis sowie eine schon große Mitgliederzahl zurückgreifen und die jahrelange Expertise nutzen.

Exkurs: Was will der Tagungsveranstalter, die DGUF?
  • Debatte um die Frage: Gibt es einen (geheimen) "Masterplan", der ein bestimmtes Ziel mit bestimmten Vorstellungen verfolgt, ausgehend von einer Diskussion in kleinem Rahmen?
  • Antwort der DGUF: Es gibt keinen Masterplan, alles steht offen zur Diskussion, Themen und Tagungsprogramm sind nachweislich flexibel. Eine freie Meinungsbildung ist das Ziel.

Exkurs: "Berufsverband", "Kammer"
  • Erneut taucht das Thema "Kammer statt Berufsverband" auf. Eine Kammer wäre eine öffentlich-rechtliche, juristisch weitaus verbindlichere Struktur. Diesem Vorteil steht nach Meinung vieler Tagungsteilnehmer die wegen der Kulturhoheit der Länder wohl notwendigerweise länderweise Organisation einer Archäologen-Kammer und die ungleich komplexere und aufwändigere Realisierung entgegen. Es wurde debattiert, inwieweit für Firmen nicht bereits Kammern wie z.B. die Industrie und Handelskammer IHK existieren. Bis zur noch ausstehenden vertiefenden Debatte dieses Themas in Sektion VI Thema 3 (2. Mai ff.) versteht die Mehrheit der Tagungsteilnehmer die Debatte um einen "Berufsverband" nicht als implizit vorweggenommene Entscheidung gegen eine "Kammer".

Exkurs: Meinungen zum Thema Finanzierung
  • Ein Berufsverband muss über Mitgliederbeiträge finanziert werden. Möglicherweise bilden zu Beginn die Firmen eine stärkere Finanzquelle als die individuellen Mitglieder. Es ist denkbar, eine Umlage einzuführen, die passend zum Mitgliederwachstum wieder gesenkt werden kann. Ein Zusammenschluss, der einen erkennbaren Mehrwert für seine Mitglieder erbringt, ist den Mitgliedern auch den nötigen Beitrag wert.
  • "Wir sollten ganz klar schauen, was wir brauchen und was uns hilft. Denn einen Weg zu wählen, der vielleicht nicht ganz so toll, aber ganz gut ist um Geld zu sparen, das halte ich für nicht zielführend" (Birgit Anzenberger).
  • Wichtig ist, dass ein Zusammenschluss auf seine Wirtschaftlichkeit achtet. Dass er auch "in sich selbst Beschäftigung schafft", d.h. Personal mit notwendigen speziellen Expertisen bereithält. Er kann dann konkret auf die Bedürfnisse der zahlenden Kundschaft (Mitglieder) eingehen. "Die Beiträge funktionieren dabei u.a. wie bei einer Versicherung: man zahlt oft längere Zeit einen Beitrag, ohne etwas zu brauchen, aber wenn man Hilfe braucht, dann kann man sie sofort und effektiv in Anspruch nehmen" (ein Tagungsteilnehmer).


Debatte: ist ein akademischer Abschluss zwingende Voraussetzung für die Mitgliedschaft in einem Berufsverband?

Eine Einzelmeinung vertrat erneut den Standpunkt, dass eine professionelle berufsständische Selbstorganisation der Archäologie nur möglich sei, wenn ein akademischer Abschluss als Einstiegshürde die unabwendbare Voraussetzung wäre. Dies sei gewiss auch das Interesse der Hochschullehrer. Dem wurde widersprochen, mit breiter Zustimmung. Konsens besteht indes darin, dass die Frage der Einstiegshürde sehr wesentlich ist.
Ergänzend wurde bemängelt, dass derzeit Firmen nicht als Ausbildungsstätte anerkannt seien, etwa für Grabungstechniker. Die zu ändern sei notwendig und müsse ein Berufsverband anstreben.


Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 6. März bis 8. April 2017.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer, Sophie Rotermund
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


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Ergebn. Sekt. III-2: "Schließt ein Berufsverband Archäologie auch Nachbardisziplinen u. Spezialisten mit ein?"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 12:19

Ergebnisse von Sektion III Thema 2: "Schließt ein erfolgreicher Berufsverband Archäologie auch Nachbardisziplinen und Spezialisten mit ein?"
Debatte seit 20. 3. 2017, geschlossen 8. 4. 2017


Im Bereich der Archäologie gibt es viele Spezialisten – oft in enger Verflechtung mit der Archäologie. Sollen diese Spezialisten ebenfalls Teil eines Berufsverbandes für die Archäologie werden?

Positionen
  • Ja, weil allzu kleine und viele Gruppen niemanden nutzen, weil Masse und hauptberufliche Organisation unabdingbar sind.
  • Ja. Ein Verband muss die Interessen jeder Teilgruppe im Berufsfeld Archäologie offen und direkt vertreten, der Beitritt muss für jedes Mitglied einen Mehrwert haben. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass jede Gruppe, die vertreten sein möchte, ihre Bedürfnisse bzw. Anforderungen an einen Verband offen und direkt vertritt. "Es geht darum, gemeinsam und solidarisch etwas zu erreichen" (eine Tagungsteilnehmerin).
  • Ja. Mehrheitlich ist der Wunsch nach einer "Berufsvertretung aller in der Archäologie beruflich Tätigen" groß, auch, da z.B. im Bereich der Grabungsarchäologie wie auch in der Forschung viele verschiedene Fachbereich der Archäologie sowie ihrer Nachbardisziplinen eng zusammenarbeiten, also auch ähnliche Wünsche und Bedürfnisse haben, die zentral vertreten werden sollten.
  • Ja, weil viele Nachbardisziplinen eng mit der Entwicklung in der Archäologie verflochten sind. In Bayern sind sie nach den Vorgaben des Landesdenkmalamtes z.T. sogar Bestandteil von Grabungsrichtlinien. Also benötigen sie auch eine Stimme innerhalb der Archäologie. Ein Berufsverband könnte sich zudem dafür einsetzen, die verbindliche Berücksichtigung notwendiger Nachbardisziplinen vermehrt auch andernorts in Grabungsrichtlinien einzubinden.
  • Praktisch gesehen könnten innerhalb eines Berufsverbandes Fachgruppen eingerichtet werden, in welchen spezielle Expertise gebündelt wird. Die Fachgruppen debattieren und ordnen ihre Ergebnisse, Problemstellungen und Zielsetzungen und bringen sie so in den Berufsverband als Ganzes ein. Das ermöglicht nach außen einen starken einheitlichen Auftritt.
  • Für eine Mitgliedschaft (oder Akkreditierung) müssen die nachgewiesenen und überprüfbaren Fähigkeiten eines Bewerbers, nicht dessen akademischer Abschluss ausschlaggebend sein.

Exkurs: Meinungen zum Thema Qualitätssicherung / fachliche Zertifizierung
  • Die Mitgliedschaft in einem Berufsverband muss einem Qualitätssiegel gleichkommen. Eine solche Zertifizierung muss auch für Nachbardisziplinen, Spezialisten und Quereinsteiger möglich sein.
  • Eine Zertifizierung basierend allein auf einem akademischen Abschluss ist nicht zielführend, da alleine durch den Abschluss einer Ausbildung in einem archäologischen Fach (bzw. einer Nachbardisziplin) das Einhalten der beruflichen Standards nicht gesichert ist. "Auch in der freien Wirtschaft ist heute weniger relevant, welchen Titel jemand hat, sondern ob er „das, was er tut, auch kann“, dass er verlässlich und termingerecht liefert und das Ergebnis beanstandungsfrei ist." (Raimund Karl)
  • Wichtig ist, dass das Qualitätssiegel „Mitglied im Berufsverband Archäologie" auch außerhalb der Archäologie, insbes. bei Auftraggebern und Investoren, Bedeutung gewinnt. Hierfür ist Lobbyarbeit von Nöten.
  • Es ist sinnvoll, eine nachgewiesene fachlich-berufliche Kompetenz zu fordern, unabhängig von akademischem Grad. Eine einschlägige Ausbildung ist sinnvoll, kann aber auch durch Berufserfahrung oder Eigenstudium erreicht werden. Die Eignung sollte durch eine wie auch immer geartete "Aufnahmeprüfung" getestet werden.
  • Für Ausgräber wäre ein Portfolio denkbar, bestehend z.B. aus Plänen, Kontextblättern, Zeichnungen, Grabungsberichten, Planungsdokumenten etc., ggf. ergänzt mit Publikationen, Lehrveranstaltungen, Lehrerfahrung, Kursen, Empfehlungen und Ähnlichem. Damit wäre gewährleistet, dass auch berufserfahrene Quereinsteiger eine Chance zur Akkreditierung haben.
  • Die Aufnahmekriterien können von einem Kollegiengremium, bestehend aus Mitgliedern des Faches (egal ob akademisch oder nicht) bestimmt und geprüft werden, das dann eine Bescheinigung der nachgewiesenen Fähigkeiten ausstellt oder auch konkrete "Nachbesserungsvorschläge" mitgibt.
  • Es ist auch möglich, verschiedene Kompetenzgrade einzuführen.

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 20. März bis 8. April 2017.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer, Sophie Rotermund
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


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Zwischenergebnisse III.3: "Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 12:33

Ergebnisse von Sektion III Thema 3: "Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Grabungsfirmen für Studierende?"
Debatte seit 20. 3. 2017, geschlossen 17. 5. 2017


Obwohl ursprünglich nicht vorgesehen und nicht eng mit dem Kernthema "Berufsverband" verknüpft, ergab sich aus den laufenden Debatten heraus ein offensichtlicher Bedarf nach einer Aussprache zu diesem Aspekt. Die Gegenfrage „Was erwarten Studierende von ihren Universitäten?“ haben wir in ein eigenes Thema gepackt (III.4).

Thesen und Gedanken aus Sicht der Firmen
  • Grabungserfahrung kann man nur in der Praxis gewinnen, innerhalb der Praktika während des Studiums ist nicht alles zu vermitteln.
  • Manche "traditionelle", an der Uni vermittelte Fertigkeit wird in der Praxis wirklich dringlich benötigt, z.B. der sichere Umgang mit Funden und deren Grobbestimmung.
  • Trotz der vollen Lehrprogramme sollte versucht werden, für einige der in der Praxis nötigen Aspekte Grundlagen bereits während des Studiums zu vermitteln, z.B. als eine Veranstaltung "Einführung in die privatwirtschaftliche Archäologie", u.a. mit folgenden Inhalten:
    - Rechtliche Grundlagen inkl. Denkmalschutzrecht; Grabungsrichtlinien;
    - Grundlagen der Arbeitssicherheit;
    - Grundlagen der Betriebswirtschaft;
    - Grundlagen der Projektplanung und Grabungsleitung (Organisation, Vorbereitung, Genehmigungen etc.);
    - Einführung in die Grabungstechnik: Vermessung, Zeichnung, Fundinventarisierung;
    - Einführung in die archäologische Fotografie (Umgang mit Kameras, Befundfotografie, Fundfotografie etc.);
    - Ausstellungsgestaltung und Museumsarbeit.
    Ein Berufsverband könnte helfen, solche Lehrveranstaltungen aufzubauen und anzubieten.

  • Sofern durch einen Berufsverband eine faire Bezahlung garantiert ist, könnte auch ein von Firmen (ev. gemeinsam) angebotenes "Volontariat privatwirtschaftliche Archäologie" Berufsanfängern mit BA/MA-Abschluss einen guten Einstieg in den Beruf bieten.
  • Warum gibt es nicht auch einen "Lehrberuf Archäologie", wo man in einer Lehre (inkl. Theorie auf einer Berufsschule) erst einmal das einfache Handwerk lernen kann? Das böte sowohl künftigen Fach-Studenten als auch Menschen ohne Hochschulreife einen guten Start. Für sein System der Handwerksausbildung ist Deutschland international berühmt. Ein Berufsverband könnte so etwas über die freie Wirtschaft organisieren.
  • Wegen der begrenzten Kapazitäten der Technikerausbildung nach "Frankfurter Modell" ist es sinnvoll (und notwendig), zusätzlich auch eine Ausbildungs- und Anerkennungsmöglichkeit als Grabungstechniker in den Firmen zu schaffen.
  • Es wurde zudem der Wunsch geäußert, dass nach ihrem Abschluss in der Grabung Arbeitende langsam an die verschiedenen Positionen herangeführt werden und sich dabei jeder persönlich Gedanken macht, wo sein beruflicher Werdegang hingehen soll. Selbstreflektion sollte ebenfalls ein wichtiges Thema sein.

Die vollständige Debatte findet sich dort: https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=27&t=96

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte, die am 17.5.2017 geschlossen wurde.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer, Sophie Rotermund
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


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Zwischenergebnisse III.4: "Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?"

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 31. Mär 2017, 12:35

Ergebnisse von Sektion III Thema 4: "Welche berufsvorbereitende Bildung wünschen sich Studierende von ihren Universitäten?"
Debatte seit 20. 3. 2017, geschlossen 17. 5. 2017


Obwohl ursprünglich nicht vorgesehen und nicht eng mit dem Kernthema "Berufsverband" verknüpft, ergab sich aus den laufenden Debatten heraus ein offensichtlicher Bedarf nach einer Aussprache zu diesem Aspekt.

Soweit erkennbar, haben sich "echte" Studierende an der Debatte bislang kaum beteiligt. Ihre Rolle nehmen vielmehr junge Berufstätige ein, deren "Praxisschock" erst wenige Jahre zurückliegt und die aus dieser Warte Erfahrungen und Wünsche einbringen. Das Schweigen der Studierenden in der Debatte ist nicht nur in der Furcht potenzieller beruflicher Konsequenzen begründet. Es zeigt sich in persönlichen Gesprächen und E-Mail-Korrespondenzen ebenso, dass sich Studierende häufig nur wenige Gedanken über ihre beruflichen Perspektiven machen. Daher haben sie weder Ahnung was ein Berufsverband für sie leisten könnte, noch was sie sich von einem Solchen wünschen sollten.

Allgemeiner Konsens – Studierender, Berufseinsteiger, Arbeitgeber, Lehrender usw. – ist der Wunsch nach einer stärkeren Einbindung Studierender bei der Organisation und Koordination innerhalb (universitärer) Projekte, z.B. Lehrgrabungen, Forschungsgrabungen, Exkursionen etc. Eigeninitiative und Erfahrung bilden die Basis um den Studierenden nicht nur Kompetenzen für den Arbeitsmarkt an die Hand zu geben, sondern um überhaupt ein Grundverständnis für diesen und das Berufsfeld mit all seinen Facetten entwickeln zu können. Besonders wertvoll sei eine berufsqualifizierende Vorbereitung, zu der auch Aspekte des Projektmanagements (Anträge von Fördergeldern, Projekten etc.), betriebswirtschaftlicher (Lohnkalkulation, Firmengründung, Angebots-Erstellung, Arbeitsschutz etc.) und (arbeits-)rechtlicher Grundlagen gehören. Betont wurde dies insbesondere von Berufseinsteigern, denen dieser Kompetenzmangel zum Verhängnis im Berufswettbewerb wird. Ein Berufsverband könnte sich in die Akkreditierungsverfahren der Institute einbringen um berufsqualifizierenden Belange hinreichend in der Studienordnung zu verankern.

Vorschläge zur berufsqualifizierenden Vorbereitung:
  • Praxiserfahrungen in Form bezahlter Tätigkeiten bei Firmengrabungen sollten als Äquivalent zur Lehrgrabung seitens der Universitäten anerkannt werden.
  • Fortgeschrittene Studierende sollten bei Lehrgrabungen auch an der Hintergrundarbeit beteiligt werden (Recht, BWL, Management, Vermittlung).
  • Studierende sollten eigenständig (Schlüssel-) Kompetenzen erwerben. Zudem sollten Lehrende auf die Unerlässlichkeit von Weiterbildung hinweisen und ggf. auf Angebote des „Studium Generale“ oder des Career Service (u.ä.) an Universitäten verstärkt aufmerksam machen.
  • Vielfältige Praktika im Fach und Fächerübergreifend sollten besser beworben und häufiger angeboten werden.

Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 20. 3. bis 17. 5.
Für die DGUF: Frank Siegmund, Michaela Schauer, Sophie Rotermund, Jasmin Rauhaus
Weitere Informationen zur DGUF-Tagung 2017 "Ein Berufsverband für die Archäologie?": http://www.dguf.de/berufsverband.html


Die vollständige Debatte findet sich dort:https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=27&t=97 Sie wurde per 17.5.2017 geschlossen.

DGUF-Dok_2017-05-17_Ergebnisse-III-4.pdf
PDF der Zusammenfassung, Stand 17.5.2017
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Zuletzt geändert von Michaela Schauer am Fr 19. Mai 2017, 15:55, insgesamt 1-mal geändert.

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Zw.-Ergebnisse IV.1: „Sind Auszubildende, Studierende usw. Teil eines Berufsverbandes?

Beitragvon Frank Siegmund » Fr 21. Apr 2017, 19:13

Zwischenergebnisse IV.1: „Sind Auszubildende, Studierende und in Fortbildung befindliche Berufsanfänger wie Praktikanten und Volontäre Teil eines Berufsverbandes?“
Debatte seit 3. 4. 2017, Arbeitsstand 21. 4. 2917


Entgegen der ausdrücklich weiter gefassten Fragestellung hat sich die Debatte zunächst ausschließlich mit der Frage beschäftigt, ob ein Berufsverband auch für Studierende offen stehen sollte. Die Zusammenfassung gibt den Konsens wider, ausdrücklich abweichende Thesen wurden nicht eingebracht.


Was sind die Vorteile für den Nachwuchs?
Für den Nachwuchs ist es schwierig, im Rahmen der theoretischen universitären Ausbildung Einblicke in die berufspraktische Realität zu gewinnen. Ein Berufsverband könnte Abhilfe schaffen, indem grundlegende Informationen zu Rahmenbedingungen und Strukturen innerhalb der archäologischen Arbeitswelt bereitgestellt würden. Der Verband könnte somit eine wichtige Brücke zwischen theoretischer Ausbildung und realer Arbeitswelt schaffen. Studierende übernähmen zudem Verantwortung und würden die Zukunft des Berufsfeldes „Archäologie“ mitgestalten. Der Nachwuchs würde durch aktive Mitarbeit in seinen Kenntnissen und seinem Selbstbewusstsein gestärkt, was womöglich zur nachhaltigen Abwendung prekärer Beschäftigungen/ Strukturen beitragen könnte.

Was sind die Vorteile für potenzielle Arbeitgeber?
Durch die Bereitstellung von Informationen (Berufsaussichten, offene Stellen, Praktika…) zu späteren Tätigkeitsfeldern und ihren Anforderungen (z.B. Weiterbildung) kann sich der Nachwuchs besser vorbereiten, wovon auch künftige Arbeitgeber profitieren würden. Berufsanfänger bringen einen anderen Blick auf Strukturen, Abläufe und Herangehensweisen mit sich als die vorherigen Generationen. Ihre Fähigkeiten und der andere Blick werden bereits gegenwärtig in Universitäten, Museen und Denkmalpflege geschätzt und genutzt (z.B. Betreuung von digitalen Kanälen). Arbeitgeber, aber auch der Verband, könnten dies nutzen um die Ausbildung (Studium, Praktika, Weiterbildungen) zeitgemäßen Strömungen anzupassen. Aus dem Austausch von Arbeitgebern, Lehrenden und Studierenden könnten z.B. berufspraktische Ausbildungsmodule an den Universitäten hervorgehen. Zudem bilden Studierende während des Studiums durch diverse Tätigkeiten (Hiwi, Grabungsarbeiter...) oft ein wichtiges Rückgrat, daher sind sie äußerst befähigt, in einem Berufsverband mitzureden.

Was könnte gegen eine Mitgliedschaft von Studierenden sprechen?
Der Gedanke, dass ein Verband, der zahlreiche nicht-graduierte Mitglieder aufweist, als nicht seriös gelten könnte, wurde eingebracht. Der Berufsverband sollte nicht durch mehrheitlich studentische Vollmitglieder zu einer rein studentischen Interessenvertretung werden, von denen es bereits zahlreiche gibt. Daher steht die Frage im Raum, ob ein bestimmter akademischer Grad Voraussetzung für die Mitgliedschaft sein bzw. man abgestufte/ hierarchisierte Mitgliedschaften (entspr. Abschlussgrad/ Qualifikation) anbieten sollte. Studierende sollten demnach Mitglieder sein dürfen, um die Vorteile des Verbandes nutzen zu können, die Mitgliedschaft sollte aber zumindest nicht während des BA-Studiums einer Vollmitgliedschaft entsprechen.
Dem entgegen steht der Aufruf zur Übernahme von mehr Verantwortung durch Studierende bereits während des Studiums und somit auch von Engagement und als Interessenvertretung innerhalb eines Berufsverbandes. Studierende sollen Aufgaben und Verantwortung bei der Gestaltung der Zukunft der Archäologie übernehmen. Sie sollen sich als mündige und ernst zu nehmende Personen trauen, ihre Positionen und ihren Blick auf Ausbildung und Zukunft der Archäologie einzubringen. Daher könne den Interessierten die aktive Mitgestaltung nicht verwehrt werden, so die Mehrheit. Dies gelte auch in Hinblick auf Beteiligung Fachkundiger ohne Studienabschluss (Debatte an anderer Stelle – viewtopic.php?f=26&t=48).

Wie könnte eine Mitgliedschaft des Nachwuchses aussehen?
Die Studierenden sind die Zukunft des Berufes „Archäologe“, daher besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass sie an einem Berufsverband beteiligt sein müssen. Ob und wie eine vollwertige Mitgliedschaft für Studierende aussehen kann, wird ein Punkt für künftige Strukturdebatten sein. Hier wäre es sinnvoll, es würden sich mehr studentische Stimmen positionieren. Für Studierende, müsste ebenso wie für Arbeitslose oder prekär Beschäftigte ein zu realisierender Mitgliedsbeitrag festgelegt werden.

Auszubildende, Praktikanten, Volontäre …
Auszubildende wie z.B. in Ausbildung befindliche Grabungstechniker oder Volontäre, die allenfalls labil und befristet beruflich etabliert sind, waren bislang nicht Gegenstand der Debatte und meldeten sich vor allem bislang auch nicht selbst zu Wort.


Dieser Arbeitsstand gibt ohne weitere Bewertung eine Zusammenfassung der Debatte 3. April bis 21. April.
Für die DGUF: Jasmin Rauhaus

Die vollständige Debatte findet sich dort:
https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=36&t=115

Zu diesem Thema auch die Abstimmung hier: https://www.tagungsforum.dguf.de/viewtopic.php?f=38&t=130
Zuletzt geändert von Jasmin Rauhaus am Fr 21. Apr 2017, 23:37, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Überarbeitete Fassung durch Korrektur von Kristin Oswald


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