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3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

In dieser Sektion geht es um "Meine Geschichte, meine Erfahrungen", um das Thema Ehrenamt und Citizen Science sowie um faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen.
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NetterMillionär
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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon NetterMillionär » Fr 26. Mai 2017, 16:49

Lieber Herr Verner,

mir ist noch ein Firmenfall bekannt, wo das Kapital noch aus einer Ehescheidung stammt. es handelt sich in jedem Fall um nicht aus der Archäologie selbst erwirtschaftetes Geld. Genau diese Firma kann allle Preise machen, die sie will. Verluste hinnehmen, als wäre es nix.

Es ist unmöglich innerhalb der Archäologie soviel Geld beiseitezulegen um eine sehr gut abgesicherte Ausgrabungsfirma zu gründen. Ich weiß das, weil ich bisher 35.000 vom Mund weg gespart habe inclusive Studium seit 2003 also in 14 Jahren (ohne Kinder, ohne Auto, ohne Schulden, Verträge, nur Secondhand, WG-Zimmer). Also kann mir keiner erzählen, dass es nicht ohne Fremdgeld geht, da ich zudem für NRW-Verhältnisse immer sehr gut im oberen Sektor verdient habe. Nur mit geld ohne eigene "Bindung" sinkt die Schwelle einer Firmengründung und es ist das nötige Kapital im Background zur Absicherung. Wenn es jemand wieder erwarten anders geschafft hat ist ja schön und gut. Wem könnte mehr an seinem Geld liegen als mir? Ich habe es selbst erarbeitet, ohne Aktien oder Anleihen, Zinsen... und es ist nichts wert. 100.000 sind heutzutage nix mehr wert. Ich komme aus der Armut und weiß wie es ist in jedem Gespräch zu hören das im Moment die Unterschicht bei etwa 1500 netto aufhört. Also müssen Sie schon mit stichhaltigeren Argumenten ihre Ablehnung eines antikapitalistischen Systems kommen, als es einfach nur abzulehnen (bitte nicht die Standartargumente, die kennen wir schon). Und es ist nicht anti!!!! Es ist im Gegenteil pro, aber eben halt pro Familie, pro Arbeiter und nicht nur pro "genialem Firmengründer" und anti allen anderen. Es ist nicht links, was ich sage, es ist auch nicht anti , was ich sage, sondern nur eine faire Lösung. Ich habe selbst studiert und einen sehr guten Abschluss, also ich sag mal wir sind nicht zwangsläufig was besseres wir studierten^^. Alle von unten sagen 1500 ist die magische Grenze im Moment (ich rede wenigstens mit denen seit vielen Jahren: Bauarbeiter, Kioskarbeiter, Menschen von der Straße).
Es tut sehrwohl etwas zur Sache woher das Geld kommt. Es wird externe Spekulantenfirmen geben in Zukunft. Nicht mehr von einem Archäologen geführt nur eingesetzt. Sie investieren Geld um Geld zu machen. Sehen sie diese gefahr, den Unterschied nicht? Unpersönliche Großfirmen. Deswegen, die Herkunft des geldes spielt immer eine Rolle; Erbschaft ist schön, aber eben auch mit niedrigerer hemmschwelle verbunden es einzusetzen.
Es gab in der vergangeheit auch Gegner vom Mindestlohn, er ist gekommen und die Welt steht noch.
Ich finde es aber gut, dass sie es nachvollziehen können aber ablehnen, im Kultursektor einen antikapitalistisches System zu installieren mit dem die Arbeiterklasse endlich nicht als der Dumme, der Sklave, der Verlieren dasteht, sondern solziale Gerechtigkeit herrscht. Mit Verlaub ich verziechte auch auf Priveligierung als Grabungsleiter, Fundbearbeiter.... und teile dann unter anderem mit einem Freund von mir, (einer der besten Schipper, die ich je gesehen habe) der nach 10 Jahren in der Archäologie immer noch 9 oder 10 Euro Jobs annimmt, weils ihm einfach Spaß macht.

In Moment ist es so, dass die Firmen, ein Arbeitersterben in Kauf nehmen, Nachwuchs zu kriegen vermeidet man ohnehin. Wenn man 800 Euro ALG I kriegt mit 800€, ist das sogar gar nicht so abwägig, hehe. Wenn jemand meine Kollegen und mich betrügt, weine ich ihm beim Firmensterben nun auch so nicht unbedingt hinterher, wenn er nicht mit einem neuen gerechteren System klarkommt, ja. Wenn einer der besten Schipper, die ich kenne 9 Euro bekommt in einer Firma in NRW ist das eine bodenlose Frechheit.

Freundliche Grüße
NetterMillionär

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Michaela Schauer
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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon Michaela Schauer » Fr 26. Mai 2017, 17:32

Lieber NetterMillionär,
ich versuche Ihnen zu folgen, aber ich muss sagen, ich bin sehr verwirrt.
Jeder Firmenchef der bisher in diesem Forum geschrieben hat, hat betont, wie wichtig es ihm ist, seine Mitarbeiter fair, sinnvoll und ordentlich zu bezahlen und zu behandeln.

Die Modellrechnung in diesem Thread wurde gemacht, um zu zeigen, was alles beachtet werden muss, wenn eine Firma ein Angebot erstellt, was alles neben dem, was der Arbeitnehmer sieht zusätzlich gestemmt werden muss und was dann noch dazu kommt für Rücklagen schlechte Zeiten etc. Und diese Modellrechnung hat Zahlen genannt, die sich alle, vor allem die Firmenchefs wünschen würden, nicht die, die man aktuell verlangen kann. Das war, zumindest meines Verständnisses nach einer der wichtigen Knackpunkte: Chef möchte mehr bezahlen kann aber nicht, weil er, wenn er mehr zahlen möchte mehr verlangen muss und wenn er das versucht bekommt er keine Aufträge. Bekommt er keine Aufträge, weil er 'zu teuer' ist, kann er bald niemanden mehr bezahlen - und damit ist auch keinem geholfen.

Zusammengefasst - alle vom Chef bis zum Schipper wollen im Angebot mehr verlangen können, damit auch für alle am Ende mehr bei rum kommt.
Was ich nicht verstehe ist, woher diese aus Ihren Beiträgen für mich ganz stark herauszulesende Abneigung gegen Firmenleiter kommt. Firmenleiter tragen das Risiko, sind für die Angebote, Verwaltung, Projektaquise zuständig und ohne die geht es nicht. Irgendjemand muss diesen Job machen und ich kenne viele die das mit vollem Einsatz und nach bestem Wissen und Gewissen tun. Und häufig sind sie es, die am Ende des Monats weniger heraus bekommen, als ihre Angestellten. Auch Firmenleiter beuten sich selbst aus, in der Hoffnung, dass eines Tages alles besser wird - oder in dem Wissen, dass ihre Firma und ihre Angestellten nur so weiter ein Auskommen haben können.

Es tut mir sehr leid, dass Sie offensichtlich so negative Erfahrungen gemacht haben. Ihr Groll wurde gehört und wahr genommen. Auch verstehe ich Ihren Frust, dass Sie sich alles vom Mund absparen und dennoch das Gefühl haben, dass das alles nichts bringt und Sie trotzdem das Nachsehen haben. Aber in der Archäologie geht es vielen so - auch Firmenleitern. Und Sie haben hier aktuell die wundervolle Chance, Firmenchefs offen nach den Dingen zu fragen, die Sie erklärt haben wollen. Sie werden ehrliche Antworten erhalten, da bin ich mir sicher.
Vielen Dank

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon NetterMillionär » Fr 26. Mai 2017, 18:11

Liebe Michaela Schauer,

ja unsere Firmenchefs sind sehr fleißig und leiten sehr gut in dem schwierigen System! Ich weiß um die Arbeit und die Verantwortung. Ich bin ihnen auch sehr dankbar für das wirklich! Sie sind (fast) alle sehr nett und wollen nur das Beste und fairere Löhne und vor allem keine kurzen Verträge, Kündigungen etc. Auch das Engagement hier in dieser Tagung beglückwünsche ich sehr!
Ich greife auch niemanden persönlich an, ich kann aber nachvollziehen, dass sich auch "gute Firmenchefs" zunächst beleidigt fühlen könnten, dass brauchen sie aber nicht. Es geht nur darum, konstruktiv das gemeinsame Ziel (und da bin ich ganz auf der Seite aller hier teilnehmenden Firmenchefs) hier in der Vortagung zu erreichen. Das ich, der ich im Mittelfeld in NRW arbeite, mich auf die Seite der Niedriglöhner stelle mag irritieren. Aber die sind nunmal auch im Boot und in der demokratischen Mehrheit! Eigentlich würde die Welt demokratisch anders aussehen, das Geld nicht nach oben fließen.
ich weiß auch, dass Chefs bei manchen Projekten gar nix verdienen und das auch nicht Ihre Schuld ist! (das liegt dann aber mehr oder weniger am Angebotssystem). Ich vermute aber, das man als Chef halt doch gut verdient. Ich möchte nur garantiert bekommen, dass es nicht "zu gut" ist nicht mehr oder weniger. Und andere "zu schlecht". Wie man nun "zu gut" und "zu schlecht" definiert ist eine andere Sache. Mehr will ich nicht. Das Lohn-Mittelfeld, wo ich herkomme, ist denke ich zufrieden, dass muss man ja auch mal sagen! Wir sehen nur, dass die Chefetage unzufrieden ist und die Niedriglöhner. Das ist eine Zerfleischungssituation, das muss man doch mal ganz klar sagen. Oben hilflos, unten hilflos. Im Mittelfeld kann man einfach in Ruhe seine Arbeit machen, so meine Erfahrung!

Lässt man also mal die Schwarzen Schafe, die es wirklich nur auf Profit abgesehen haben beiseite: Ein netter, menchlich einwandfreier Firmenchef (wie diejenigen hier im Forum) ist wegen dem Unterbietungsprinzip aktuell nicht (immer) in der Lage seine Maxime und sein ideal zu gewährleisten. In Baden-Würtemmberg bekommt nun auch die größte Firma Deutschlands die Aufträge und nicht diejenige, die fair zahlt. Ob nun eine Anhebung um sagen wir mal 2 Euro pro Nase (genaue Daten am Anfang dieses Forums) fair ist wage ich zu bezweifeln. Das Lohngefälle bleibt das gleiche; der Niedriglöhner ist immer noch nicht über der magischen Grenze von 1500.
Ich weiß auch, dass Chefs unter diesem System leiden können.
Ich schreibe auch nicht aus Frust! Ich möchte die Position der Ausgrabungshilfskräfte und Absolventen verteidigen und klarstellen und die ist völlig eindeutig: so kann es nicht weitergehen (viele hören einfach nach 5 Jahren auf und wechseln den Beruf obwohl er ihnen Spaß macht, die sind gefrustet und ich muss mit gefrusteten Arbeitern arbeiten und sie auch). Hier im Forum sind Hochpositionierte in der Mehrheit und auch sie werden es sein, die letzendlich den Berufsverband in die Wege leiten.
Das ich da gegen eine Wand rede ist mir klar, vielleicht aber auch nicht. Und das alles, was ich schreibe gut ist ist utopisch; hoffentlich ist aber etwas Gutes dabei.
Ich denke ich habe nun auch alles gesagt und werde nur noch auf Fragen antworten. ich bin da auch nicht sooo unendlich sozial, dass ich hier die Niedriglöhner verteidige, die hier überhaupt nix sagen. Ich habe es innerhalb der Archäologie geschafft und habe zwar genauso wie alle auch meine "ich mogel mich so durch-Schwierigkeiten".

Alles Gute

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon NetterMillionär » Sa 27. Mai 2017, 04:31

Soviel zu einer besonders großen Firma, die ihren Namen nicht nennen möchte, die es bald nur noch alleine gibt:

"Stellenanzeige 04. August 2016
+ Job + Job + Job + Job + Job + Job +


Wir sind eine bundesweit agierende Fachfirma für Archäologie mit mehr als 20-jähriger Erfahrung, 45 Festangestellten und einem durchschnittlichen Jahresumsatz von etwa 3 Mio Euro.
Aufgrund der derzeit hohen Auslastung möchten wir zeitnah unser Personal auf allen Ebenen aufstocken."


Also Ihr/sie wollt mir wirklich erzählen Archäologie sei nicht lukrativ? Genaus deswegen will ich Chefgehälter deckeln, dass sich hier nicht alles ausbreitet wie nen Oktopus, aber ich bin irgendwie zu spät geboren und zu unmächtig. Ich war mal auf ner Ausgrabung, wo man zuerst das falsche Feld bearbeitet hat haha.

So und ich habe mir gerade mal die kurz und knappe, wenig informative VAF-Seite angeschaut. Also, dass das zu höheren Löhnen führt wäre mir brandneu!

http://www.verband-archaeologischer-fac ... itglieder/

Mag sein, dass ich nicht zwischen den Zeilen lesen kann, aber von fairen Löhnen steht da glaube ich nix:

§2 Zweck des Vereins

Der Verband ist eine Vereinigung von Grabungsfirmen und freiberuflich tätigen Archäologen, sowie von Firmen und freiberuflich Tätigen angrenzender Disziplinen, die im Bereich der Firmenarchäologie tätig sind.
Der Verband dient der Förderung der Firmenarchäologie in der Boden- und der Baudenkmalpflege und der Verankerung der Firmenarchäologie im öffentlichen Bewusstsein. Sie strebt danach, die Mitglieder informativ und fachlich näher miteinander zu vernetzen und die Interessen der Mitglieder gegenüber der Öffentlichkeit, politischen Gremien und der amtlichen Denkmalpflege zu vertreten.
Der Verband setzt sich die Verständigung und die Zusammenarbeit der Grabungsfirmen mit der amtlichen Denkmalpflege und den Veranlassern zur besonderen Aufgabe.
Der Erreichung der Vereinszwecke dienen informative Maßnahmen, Beratungen und Zusammenarbeit, die gemeinsame Arbeit auf Tagungen und an archäologischen Stätten sowie Gesprächsforen, Vorträge, Veröffentlichungen und ähnliche Maßnahmen.
Der Verband hat sich auf die Verfolgung der in Abs. 2 und 3 genannten Ziele zu beschränken. Der Satzungszweck wird ausschließlich und unmittelbar verfolgt.
Eine Änderung des Vereinszwecks erfordert die Zustimmung von mindestens zweidrittel aller ordentlichen Vereinsmitglieder (§4 Abs.2)
Zuletzt geändert von Diane Scherzler am Sa 27. Mai 2017, 09:23, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Zwei zusammenhänge, aufeinander folgende Beiträge in einen gepackt. Zitation korrigiert.

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon Frank Siegmund » Sa 27. Mai 2017, 06:31

Sehr geehrter NetterMillionär,
diese Beobachtung und These überrascht nicht. Der VAF ist ein Arbeitgeberverband (Unternehmerverband). Sein Antagonist, der für Angestellte und Arbeiter höhere Löhne durchsetzt, wäre eine Gewerkschaft. Die Debatte hier zielt auf einen Berufsverband, der Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gemeinsam umfasst, weil nach mehrheitlicher Überzeugung der Tagungsteilnehmer genau dies, die Spaltung in Arbeitgeber und Arbeitnehmer, in der Archäologie praktisch keinen Sinn macht. Zu erinnern ist an die (Schein-) Selbständigen, die im Grunde weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer sind.
Herzliche Grüße! Frank Siegmund.

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon falknaeth » So 28. Mai 2017, 21:43

Lieber netter Millionär,
ich komme erst heute Abend dazu, die letzten Posts zu lesen - was ein bisschen schade ist, weil ich ansonsten direkt zu einzelnen Aussagen hätte Stellung nehmen können. Nun - ich will es mit einer Zusammenfassung versuchen:

1.: Sie möchten den Verdienst eines Grabungsfirmenbesitzers auf TvöD 14 deckeln.

Das entspräche im TV-L West

(http://oeffentlicher-dienst.info/c/t/re ... kk=15.5%25)

für mich einem Grundgehalt im ARBEITNEHMERbrutto von ca. 3.891,- € (Stufe1) bis 5.117,- € (Stufe 5). Nun kommen jedoch noch die Arbeitgeberanteile hinzu, die ich selbst zu tragen habe:
Als ARBEITGEBERbrutto entspräche dies einer monatlichen Auszahlung von 4.646,- € bei Stufe 1 im Anfangsgehalt. Dazu kämen noch die Rückzahlungen für die laufenden Firmenkredite(z. B. Für die Absicherung der Mitarbeiter-Gehälter), die ich persönlich aufnehmen darf (und von denen weder meine Familie noch ich selbst privat und persönlich sonderlich viel haben), denn leider, leider habe ich von meinem Vater (er lebt noch und war Arbeiter) noch keine Erbschaft erhalten können (er war weder so freundlich, rechtzeitig vor der Gründung zu sterben, noch wird am Ende wohl soviel übrig bleiben, dass ich als eines von vier Kindern 100.000,- € erwarten könnte).
D.h. für unsere Rechnung, ungefähr 5.500,- € kämen da als Endsumme pro Monat ALS ANFANGSGEHALT BEI STUFE 1! wohl zusammen - nun okay, wer sich das als Firmengründer auszahlt, kann sich hier ja einmal melden. Ich würde auch gern den Firmenbesitzer in der Archäologie kennenlernen, der sich nach entsprechendem Zeitraum die Stufen 2-5 der Tarifgruppe 14 TvöD oder gar ein Gehalt darüber hinaus auszahlen kann. Kurzum: Eine Deckelung auf TvöD 14 bleibt daher wohl in der nächsten Zeit eher irrelevant.

2.: Sie halten ein gleiches NETTOgehalt für alle für gerecht und fair. Unabhängig davon, ob ich es für sinnvoll halte, Personen mit unterschiedlichen Tätigkeiten, Berufserfahrung und Ausbildungsständen gleich zu entlohnen - das funktioniert schon bei identischem Bruttogehalt nicht. Hier möchte ich Sie einladen, selbst einmal Nettogehälter zu berechnen - am Einfachsten geht dies über die zahlreichen Rechner im Internet: Z. B.

Folgende Aufgabe: Sie stellen für ein kompliziertes Großprojekt einen männlichen Projektleiter in Bayern ein, katholisch, 30 Jahre alt, ledig, keine Kinder mit Gehalt von Brutto 3.200,- € - Sie erhalten ein Nettogehalt von 1.986,- € (ungeachtet weiterer Freibeträge).

Zweite Aufgabe: Sie nehmen für ein vergleichbares Projekt eine Alleinerziehende Mutter als Projektleiterin, ebenfalls in Bayern, ohne Konfession, 40 Jahre alt, 3 Kinder, ebenfalls mit einem Bruttogehalt von 3.200.- € - und erhalten ein Nettogehalt von ca. 2056,- € (ungeachtet weiterer Freibeträge).

Was ich aufzeigen möchte ist: Freibeträge, Art der Krankenkasse, Alter Kinder etc. etc., damit die persönlichen Lebensumstände, beeinflussen das Nettogehalt. Möchte man jeden Monat die Nettogehälter nivellieren, so stellt dies eine mathematische Akrobatik dar, die die Verwaltungskosten (z. B. durch den Steuerberater) in die Höhe schießen ließe, die unterschiedlichen Lebensumstände außer Acht ließe (unserer Alleinerziehenden müsste ich bei "Netto- Gleichbehandlung" trotz ihrer 3 Kinder das Gehalt kürzen, während dem ledigen 30jährigen Mann das Gehalt erst einmal aufgestockt würde) und zudem arbeitsrechtliche Schwierigkeiten mit sich brächte.

3.: Sie zitieren eine Stellenanzeige und nehmen die dortigen Angaben im wahrsten Sinne des Wortes für "bare Münze":

NetterMillionär hat geschrieben:"...
Wir sind eine bundesweit agierende Fachfirma für Archäologie mit mehr ... einem durchschnittlichen Jahresumsatz von etwa 3 Mio Euro..."


Hierzu kann ich nur anmerken: Okay, es scheint wohl ein Unternehmen zu sein, dass entweder viele oder große Projekte erfolgreich abgewickelt hat und immer noch am Markt ist. Die Rede ist hier von Umsatz, nicht von Gewinn. Wieviel von den 3 Millionen letztlich bei der Firma als Gewinn "hängen geblieben ist" und wieviel diverse Subunternehmer (Schlagwort: Maschinenkosten), die eigenen allgemeinen Geschäftskosten - und letztlich die Arbeitgeberkosten für die 45 Festangestellten und u. U. noch weitere nicht fest angestellte Mitarbeiter "geschluckt" haben, kann aufgrund dieser Aussage nicht beurteilt werden. Insofern: Man sollte immer vorsichtig mit "werbeträchtigen Aussagen" umgehen, bevor man sich ein falsches Bild von der Lage macht.

Liebe Grüße, Falk Näth
"Größtmöglicher Erfolg oder eine vernünftige Alternative!" (Hägar der Schreckliche)

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon NetterMillionär » So 28. Mai 2017, 22:46

Lieber Falk Näth,

vielen Dank für die konstruktiven Kalkulationen!
1. Wenn Sie die Firmenchefgehälter derzeitig nicht im TVöD 14 Bereich [bis maximal TVöD 15] sehen und es sogar "irrelevant" ist diese zu deckeln, weil der Gewinn eine kontinuierliche, monatsbezogene Entlohnung auf diesem Niveau gar nicht oder nur knapp zulässt ist ja alles gut! Danke für die Information. Und einer gut entlohnende Firmenchef gönne ich eigentlich ohnehin alles Geld der Welt, da muss man ja dann gar nicht umfairteilen!

Aber was spräche dann gegen eine Deckelung rein pro forma? Der Vorteil wäre, dass alle wissen, dass sich oben garantiert nicht bereichert wird auf höhere Gehaltsstufen als wirklich hohe Positionen im öffentlichen Dienst. Es geht mir eigentlich auch nicht allzusehr um bestehende Firmen, sondern um die Gefahr in Zukunft, dass Firmenmodelle auf den Markt drücken könnten (!), wie ein Großinvestor, der alle kleineren Firmen vom Markt verdrängt zunächst und dann als Monopol die Preise machen kann wie er will (siehe in Zukunft bei Flixbus, oder auch bei Mitfahrgelegenheit). Ich halte es derzeitig für theroteisch möglich? Sagen wir mal ein polnischer/rumänischer/bulgarischer Großinvestor (das Beispiel nur, weil im Baugewerbe von dort Schwarzarbeiter für 3-4 arbeiten; das weiß ich) holt sich massiv gut ausgebildete Studenten und Archäologen und Quereinsteiger aus eben diesen Ländern, die für Mindestlohnniveau arbeiten und er also massiv konkrrenzlos ist bei seinen Angebotspreisen. Wenn dies theoretisch nicht möglich ist, ist es tatsächlich hinfällig hier zu handeln.
Man würde dem Markt also eine Sicherheit in dieser Hinsicht verschaffen.

2.
Danke für die Aufmunterung selber zu recherchieren, ich werde dran bleiben und weiter kalkulieren!

"Gleiche Gehälter" ist der falsche Ausdruck, "sehr ähnliche" oder "wesentlich stärker angeglichene ohne großes Lohngefälle"" ist richtiger. Es geht nur darum Niedriglöhner aus der "Armutsfalle Hartz IV-Niveau" herauszuholen und mehr sie dadurch zu motivieren und zu qualifizieren (stärkere Arbeitsteilung als bisher).
Sie weisen zu Recht auf steuerrechtliche Unterschiede hin; diese wären natürlich auch gegeben und werden erfüllt. Auch hierarchische Staffelung ist immer nötig! Ein höher qualifizierte Arbeiter muss immer mindestens 50 Cent brutto mehr verdienen. Die Gehaltsklasse einer "1500-2000netto" Firma ist rein fiktiv; man könnte auch realistischere Preisspannen nennen, derzeitig gibt es aber ungefähr - ohne es ganz genau zu wissen - "900-2.500netto Firmen".
Das System wird ungefähr so in einer Ausgrabunsgfirma bereits angewandt. Es funktioniert also. Eigene, deutlich höhere Mindestlöhne als auf dem Markt etc. Mich wundert also, warum es für unrealisierbar gehalten wird? Nur die Konkurrenz behindert bzw. verunmöglicht hier eine weitere Verbesserung!
Auch gibt es soetwas: im Verlagswesen bei Spiegel gibt es Firmenbeteiligungen (der Chef hat den Gürtel enger geschnallt), die neben der Entscheidungsbeteiligung auch Gewinnbeteiligung für alle Mitglieder erwirtschaften; sogar Ökologie ist dort noch ein Thema und wird auch in die Tat umgesetzt:
http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgrup ... enDocument

3. ok.

Beste Grüße zurück
NetterMillionär

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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon falknaeth » Mo 29. Mai 2017, 08:51

Frank Siegmund hat geschrieben:Lieber Herr Piffko,

... Ihr Beitrag zeigt (erinnert daran), dass eine ähnliche Debatte "Archäologen können nicht ausschreiben" hier im Forum hie und da zwar angeklungen ist, aber (leider!) nie explizit geführt wurde. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Text ("Aufsatz") sehr willkommen wäre, der zwei Themen hat: (1) warum ist Ausschreibung als definiertes Projekt richtiger denn als Stundensatz-Ausschreibung, (2) wie sieht eine solche Ausschreibung als Projekt vernünftigerweise aus - mit ein paar guten Beispielen. Wiederum: als Angebot von Orientierungswissen für Unerfahrene.


Lieber Herr Piffko, lieber Herr Siegmund,
ich finde die Idee eines Aufsatzes (oder Leitfadens?), in dem das Thema einer ziel- und leistungsgerechten Ausschreibung aufgegriffen wird - und die zahlreichen falschen Vergleichbarkeiten durch festgelegte Stundensätze offengelegt werden, großartig. Sicherlich gibt es einen reichhaltigen Erfahrungsschatz bei den hier im Forum beteiligten Kollegen (ich selbst könnte so einiges beitragen...).

In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein Buch hinweisen, das mich persönlich sehr bez. des Verständnisses für archäologische Leistungsverzeichnisse weitergeholfen hat:

D.J. Martin / M. Krautzberger, „Handbuch Denkmalschutz und Denkmalpflege“
(3. Auflage), München 2010

In ihm sind auch Modelle für die Erstellung von Positionen aufgezeigt, die zumindest Alternativen zu den "Erfahrungswerten" nach Schema "1.200 Stunden Archäologe ohne Inhalt" darstellen.

Herzlichen Gruß, Falk Näth
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Re: 3. Faire Löhne und faire Angebotspreise bei Firmen und Selbständigen

Beitragvon MaryJane » Mo 29. Mai 2017, 09:19

NetterMillionär hat geschrieben:Und einer gut entlohnende Firmenchef gönne ich eigentlich ohnehin alles Geld der Welt, da muss man ja dann gar nicht umfairteilen!

Aber was spräche dann gegen eine Deckelung rein pro forma? Der Vorteil wäre, dass alle wissen, dass sich oben garantiert nicht bereichert wird auf höhere Gehaltsstufen als wirklich hohe Positionen im öffentlichen Dienst.


Um die Frage ganz einfach zu beantworten: Das wäre völlig unnötiger, unverhältnismäßiger Aufwand. Wer soll denn so eine Deckelung festlegen, durchsetzen, kontrollieren, anpassen? Der liebe Gott? Der allwissende Berufsverband mit seinen fest angestellten Betriebsprüfern?
Konzentrieren wir uns auf das, was wichtig ist: Auskömmliche Löhne für alle. Kann dann jeder auf seinem Lohnzettel oder Konto nachprüfen. Das durchzusetzen, wird schwierig genug - da brauchen wir keine Nebenschauplätze.

NetterMillionär hat geschrieben:Die Gehaltsklasse einer "1500-2000netto" Firma ist rein fiktiv; man könnte auch realistischere Preisspannen nennen, derzeitig gibt es aber ungefähr - ohne es ganz genau zu wissen - "900-2.500netto Firmen".
Das System wird ungefähr so in einer Ausgrabunsgfirma bereits angewandt. Es funktioniert also. Eigene, deutlich höhere Mindestlöhne als auf dem Markt etc. Mich wundert also, warum es für unrealisierbar gehalten wird? Nur die Konkurrenz behindert bzw. verunmöglicht hier eine weitere Verbesserung!

"Ohne genau zu wissen" und "ungefähr so" ist hier nicht hilfreich - kann jemand dieses System vorstellen und vorrechnen, was da wie "funktioniert" und "angewandt wird"? Lieber NetterMillionär, wenn Sie so eine Firme kennen, können Sie vielleicht jemanden gewinnen, der es genauer weiß und bereit ist, das Konzept hier vorzustellen? Dann können wir uns eine Meinung dazu bilden.
So bleiben es für mich völlig abstrakt in den Raum geworfene Zahlen ohne jeden Bezug zum wahren Leben.
Wenn Du willst, was Du noch nie hattest, dann tue, was Du noch nie getan hast.


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