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Archäologie und Familie

Hier kann man seinen Frust und Zorn artikulieren, aber genauso auch starke und weiterführende Momente sowie gute Tipps für Kollegen in ähnlichen Situationen. Die Geschichten finden hier Gehör, und aus ihnen werden in Summe möglicherweise bislang vernachlässigte Perspektiven und Probleme deutlich, die stärker bedacht werden sollten.
Jadzia Dachs
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Jadzia Dachs » Mo 20. Mär 2017, 22:21

@raykarl:

Die Idee finde ich sehr gut, dass sich die Chefs über die Mitgliedschaft eines Berufsverbandes zu einem verantwortungsbewusstem Verhaltenskodex verpflichten, der u.a. den MitarbeiterInnen ein faires Gehalt garantieren soll. Vor allem Rückgrat, dass Du das in der Uni selbst durchsetzt!

Danke, Dax

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raykarl
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 09:51

Jadzia Dachs hat geschrieben:Ja, klar. Man lässt sich in gewisser Weise auch selbst ausbeuten. Aber welche Wahl bleibt einem denn schon, wenn man am Ende der Nahrungskette steht?

Ja klar; denen, die ganz unten in der 'Nahrungskette' stehen bleibt gar nichts übrig außer die Selbstausbeutung; einmal abgesehen davon, dass Selbstausbeutung in der Archäologie die Regel ist, weil wir eben unserer Berufung folgen und nicht nur einen Brotberuf ausüben. Ich z.B. arbeite für ein volles Professorengehalt (gerechnet über die letzten 12 Monate) 3,42 Vollzeitäquivalent-Stunden, leiste also die Arbeit von nahezu 3,5 statt nur einer Arbeitskraft. Das ist genau solche Selbstausbeutung; nur dass ich das Glück habe, für meine Arbeit gut genug bezahlt zu werden, dass ich davon leben kann. Wieviel Zeit mir übrigens bei den Arbeitsstunden für Privatleben und Familie bleibt - um kurz zum eigentlichen Thema dieses Diskussionsstranges zurückzukommen - kann man sich vorstellen.

Ob sich jemand selbst ausbeutet, ist letztendlich dessen Entscheidung, so lange es freiwillig passiert. Solange ich so viel arbeite, wie ich arbeite, weil ich einfach nichts anderes mit meiner Zeit tun will als mich mit Archäologie zu beschäftigen - weil sozusagen meine Leidenschaft mein Beruf ist - ist das etwas, was ich vor mir selbst zu verantworten und gegebenenfalls mit meiner Familie abzuklären habe, aber letztendlich meine Sache.

Eine andere Sache ist, ob das Funktionieren einer (archäologischen) Organisation davon abhängt, dass sich die MitarbeiterInnen dieser Organisation selbst ausbeuten; und, noch schlimmer, ob diese MitarbeiterInnen sich selbst ausbeuten müssen, um überhaupt eine Chance zu haben, sich durch ihre Arbeit für diese Organisation ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das ist ein Problem, und dieses Problem sehen wir in der Archäologie meiner Meinung nach viel zu häufig; nicht nur im deutschen Sprachraum, aber in dem vielleicht besonders stark. Ich zumindest sehe es im Bereich der Universitäten sehr häufig, es scheint im Bereich des 'kommerziellen' Grabungssektors ebenfalls häufig zu sein, und auch im musealen bzw. 'kulturvermittelnden' Sektor wenigstens in gewissen Teilbereichen (eben z.B. im Bereich der Museums- und Archäologiepädagogik) nicht selten zu sein; und auch im Bereich der staatlichen Denkmalpflege wenigstens in manchen Ländern (zumindest in jenen, in denen das Problem nicht auf den 'kommerziellen' Grabungssektor ausgelagert wurde) recht oft vorzukommen.

Nun ist es letztendlich aber so, dass in der Regel nicht Organisationen die Selbstausbeutungsbereitschaft ihrer MitarbeiterInnen ausbeuten. Weil Organisationen sind als gesellschaftliche Konstrukte selbst handlungsunfähig: Handlungen setzen und Entscheidungen treffen immer ihre jeweiligen menschlichen VertreterInnen. Die Verantwortung dafür, ob eine Organisation systematisch die Selbstausbeutungsbereitschaft (oder gar Selbstausbeutungsnotwendigkeit) ihrer MitarbeiterInnen ausbeutet bzw. überhaupt nur funktionieren kann, wenn ihre MitarbeiterInnen sich systematisch (selbst) ausbeuten (lassen), liegt also bei diesen VertreterInnen, in der Regel jenen, die höher in der Personalhierarchie der Organisation stehen als die meisten anderen MitarbeiterInnen.

Die SelbstausbeuterInnen am unteren Ende der Nahrungskette haben keine andere Wahl als sich selbst auszubeuten bzw. sich ausbeuten zu lassen, wenn sie nicht eine 'ordentliche' Stelle bekommen, die es ihnen erlaubt, ihr eigenes Überleben zu sichern. Die Vorgesetzten dieser SelbstausbeuterInnen haben hingegen sehr wohl eine Wahl, ob sie die Selbstausbeutungsbereitschaft ihrer MitarbeiterInnen systematisch ausbeuten oder nicht. Natürlich unterliegen diese Vorgesetzten auch gewissen Zwängen, aber das ändert nichts daran, dass man als Vorgesetzter eine Verantwortungsposition übernommen hat (für die man gewöhnlich dann auch besser bezahlt wird und die einem auch den einen oder anderen sonstigen Vorteil bringt) und in solchen Fällen eben dann auch Verantwortung trägt. Wenn man dann den Zwängen nachgibt und die Selbstausbeutungsbereitschaft seiner MitarbeiterInnen systematisch auszubeuten beginnt, dann trägt man auch dafür die Verantwortung; weil man könnte sich eben auch den Zwängen nicht beugen, sondern die entsprechenden Konsequenzen ziehen und die Arbeit, die nicht finanzierbar ist, auch nicht erledigen (lassen).

Liebe Grüße,

Ray
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Kristin Oswald » Di 21. Mär 2017, 10:55

raykarl hat geschrieben:Nun ist es letztendlich aber so, dass in der Regel nicht Organisationen die Selbstausbeutungsbereitschaft ihrer MitarbeiterInnen ausbeuten. Weil Organisationen sind als gesellschaftliche Konstrukte selbst handlungsunfähig: Handlungen setzen und Entscheidungen treffen immer ihre jeweiligen menschlichen VertreterInnen. Die Verantwortung dafür, ob eine Organisation systematisch die Selbstausbeutungsbereitschaft (oder gar Selbstausbeutungsnotwendigkeit) ihrer MitarbeiterInnen ausbeutet bzw. überhaupt nur funktionieren kann, wenn ihre MitarbeiterInnen sich systematisch (selbst) ausbeuten (lassen), liegt also bei diesen VertreterInnen, in der Regel jenen, die höher in der Personalhierarchie der Organisation stehen als die meisten anderen MitarbeiterInnen.


Lieber Ray, ich kann dir nur zustimmen. Es geht um Machtgefüge und darum, was als selbstverständlich genommen wird - das z.B. von jemandem mit einer halben Stelle zur Promotion erwartet wird, Vollzeit dafür zu arbeiten. Das verhindert weitgehend, sich das recht knappe halbe Gehalt auf anderem Wege aufzustocken, um beispielsweise nicht mit Mitte 30 noch gezwungen zu sein, in einer WG zu leben. Um die VertreterInnen für solche Themen zu sensibilisieren und ihnen klar zu machen, dass sie nicht nur Teil des Systems sind, sondern dass Selbstaufopferung auch hinsichtlich inhaltlicher Qualität langfristig nicht sinnig ist, braucht es meiner Meinung nach einen Berufsverband, der auch die Perspektive einnimmt und deren Situation verbessern will.
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Jadzia Dachs » Di 21. Mär 2017, 12:49

Lieber Ray,

vielen Dank. Dem stimme ich völlig zu. Solange die Selbstausbeutung jemandem gut tut, weil er/sie diese Arbeit gerne macht, ist das noch in Ordnung. Wird aber er/sie dazu genötigt, geht das gar nicht. Abgesehen davon, dass wahrscheinlich alle, die hier mitbloggen auch diese Einstellung teilen, steht das auch in Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen:

"Jeder Mensch hat Anspruch auf Erholung und Freizeit sowie auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit [...]". Quelle:
http://www.humanrights.ch/de/internatio ... g-freizeit

Was hierzu die Museen betrifft, dort wird niemand zu einer unbezahlten Arbeit gezwungen! Generell läuft es aber mit den Honorarkräften so, dass sie die Durchführung der museumspädagogischen Programme und der Ausstellungsführungen honoriert bekommen. Die inhaltliche Vorbereitungszeit wird in der Regel nicht abgerechnet. Bestenfalls gibt es dafür eine minimal-kleine Pauschale, die bereits mit der Teilnahme an der obligatorischen Mitarbeiterführung nahezu abgedeckt ist. Alles, was sich die Honorarkraft zusätzlich aneignet oder auffrischt, passiert während der unbezahlten Freizeit.

Daher neigen leider sehr viele MitarbeiterInnen dazu, nur ihr mitgeschriebenes Skript durchzuarbeiten. Das reicht aber für eine wirklich gute Ausstellungsführung oft nicht aus, weil sie dadurch nicht tiefer in das jeweilige Ausstellungsthema eintauchen. Das merken spätestens dann die Besucher, wenn ihre Fragen nicht adäquat beantwortet werden können. Richtig peinlich für das Museum wird es dann, wenn die Besucher gut gebildet sind und die Informationen methodisch hinterfragen.

Ich finde, auch ein geisteswissenschaftlich geschulter Archäologe sollte fähig sein, einem Ingenieur oder Physikprofessor in angemessener Weise durch die Ausstellung führen zu können. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich dann ein Steven Hawking nicht verarscht fühlt, weil sich der Mitarbeiter richtig ins Ausstellungsthema eingearbeitet hat.

Liebe Grüße,
Dax

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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon raykarl » Di 21. Mär 2017, 14:41

Liebe Dax,
Jadzia Dachs hat geschrieben:Was hierzu die Museen betrifft, dort wird niemand zu einer unbezahlten Arbeit gezwungen! Generell läuft es aber mit den Honorarkräften so, dass sie die Durchführung der museumspädagogischen Programme und der Ausstellungsführungen honoriert bekommen. Die inhaltliche Vorbereitungszeit wird in der Regel nicht abgerechnet.

Ich stimme Dir grundsätzlich zu; aber gerade die Frage, was ein 'Zwang' ist, ist oft komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

Es mag im Museumssektor durchaus so sein, dass niemand zu einer 'unbezahlten Arbeit' gezwungen wird, sondern - wenigstens theoretisch - z.B. Ausstellungsführungen auch rein auf Basis des mitgeschriebenen Mitarbeiterführungs-Skriptums durchführen kann und sich keine zusätzliche inhaltliche Vorbereitung antun muss. Die Frage ist dann aber, ob eine solche zusätzliche inhaltliche Vorbereitung nicht trotzdem notwendig ist und auch das Museum durchaus erwartet, dass das Führungspersonal diese zusätzliche Vorbereitung unbezahlt macht; bzw. wenn es das nicht macht, wenn sich dann BesucherInnen über die potentiell inadäquate Qualität einer nicht ausreichend zusätzlich vorbereiteten Führung aufregen, nicht zusätzlich vorbereitetem Führungspersonal keine weiteren Führungen mehr gibt, weil die konkret betroffenen FührerInnen für das Museum dann eben 'peinlich' sind. Wenn letzteres der Fall ist, ist der Zwang zur unbezahlten Vorbereitung nämlich durchaus da, auch wenn das nie explizit gesagt wurde. Aber alle FührerInnen können sich denken: entweder ich bereite mich zusätzlich unbezahlt vor, damit ich dem Museum nicht 'peinlich' werde und weiter die bezahlten Führungen machen darf; oder ich riskiere mich nicht zusätzlich unbezahlt vorzubereiten und wenn es dann schiefgeht den Führungsjob halt wieder los zu sein.

Selbst wenn das im Museumssektor nicht sein sollte, ist es im universitären Sektor vor allem bei den Verträgen für einzelne LV-Angebote nicht selten der Fall, dass entweder de facto nur die Kontaktzeit im Hörsaal oder maximal diese Zeit plus die für die Abnahme von Prüfungsleistungen bezahlt wird, während die LV-Vorbereitung oft nicht oder wenn doch höchst unzureichend abgegolten wird. Ich bin jetzt seit etwa 2 Jahrzehnten im universitären Lehrgeschäft und bin als Professor oft in der Lage, mir frei auszusuchen, was ich unterrichten will. Dennoch, selbst eine normale (ca. 2 Semesterwochenstunden dauernde) LV in einem meiner wissenschaftlichen Spezialgebiete ordentlich vorzubereiten dauert für die ca. 30 Stunden nominelle Kontaktzeit im Hörsaal (= ca. 22.5 Stunden Realzeit) wenigstens 2 Wochen Vollzeitarbeit (also ca. 80 Stunden Realzeit). Dazu kommen dann noch etwa 0,5 Stunden Arbeitszeit pro Prüfling für die Beurteilung der Prüfungsleistung. Bei angenommenen 30 Studierenden in einer LV sind das also in Summe ca. 125 nominelle bzw. ca. 117.5 Stunden Realzeit.

Der absolut höchste Gehaltssatz für 'externe Lehre' an der Uni Wien (LVG1) ist derzeit für so eine LV € 2.761,80 brutto; d.h. man kommt bei der obigen Berechnung auf einen Stundensatz von ca. € 23,50 brutto - für die 'höchstbezahlte' externe 'wissenschaftliche Lehre'. Das klingt auf den ersten Blick recht fair, aber wir haben hier bisher mit einer 'Idealannahme' gearbeitet und natürlich völlig außer Acht gelassen, dass der externe Lehrende dafür auch noch wenigstens 15 Mal An- und Abreisezeit und damit verbundene Kosten hat, und vielleicht die Lehre, die er anbieten soll, nicht gerade genau in seinem wissenschaftlichen Spezialgebiet macht, sondern 'lehren muss was gebraucht wird', weil die fetten alten Professoren lieber nur in ihrem eigenen Spezialgebiet lehren und die 'unangenehmen' Kurse an 'billige Externe' outsourcen. Ich als ein solcher fetter alter Professor bin fix angestellt und mein Stundenlohn ist für das gleiche (bei aktuellem Umrechnungskurs) etwa € 44,31 brutto, also beinahe das Doppelte. Und ich brauche keine extra An- und Abreisezeit und -kosten zu bedenken, weil ich habe ein hübsches, warmes Büro an der Uni, wo ich auch einen Dienstcomputer habe und daher außer vielleicht meine privaten Bücher keine eigenen Betriebsmittel bereitstellen muss.

Rechnet man genauer und nimmt an, dass der externe Lektor 'frisch im Geschäft' ist und nicht exakt in seinem Spezialgebiet lehren soll, sondern etwas, worüber er vielleicht im Studium was gehört hat, aber sonst noch nicht viel weiß, dann wird die Rechnung deutlich schlechter für den Lehrenden. Da kommt man leicht auf 300-400 Arbeitsstunden für die 2-std. LV. Der Stundenlohn ist dann, selbst bei LVG1, nur mehr ca. € 8 brutto. Zwar gibt es in Österreich keinen gesetzlichen Mindestlohn per se, aber nur z.B. zum Vergleich: der Mindestlohntarif für Lehrende in privaten Bildungseinrichtungen beträgt pro Unterrichtsstunde (da mit 50 Minuten gerechtnet) derzeit € 25 (samt Vor- und Nachbereitung, siehe https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20009687). Dass ca. € 8 brutto noch eine faire Bezahlung für hochqualifizierte wissenschaftliche Lehre wären, lässt sich sehr debattieren.

Und bei all dem ist dazuzusagen: die Uni Wien zahlt im internationalen Vergleich noch recht gut für externe Lehre; es gibt also noch weit schlechtere Beispiele.

Will man aber jetzt als angehender Archäologe Lehrerfahrung sammeln, weil man auf einen universitären Posten spitzt, bleibt einem eigentlich gar nichts übrig, als zu solchen Bedingungen zu arbeiten. Ist das noch freiwillig oder ist das schon Zwang? Nachdem alle Unis wissen, dass man ohne einschlägige Lehrerfahrung praktisch Null Aussicht auf eine universitäre Karriere hat, kann man hier den Preis schönd drücken, weil es findet sich immer wer, der es zu noch schlechteren Konditionen trotzdem macht. Einfach weil die, die eine Unikarriere wollen, oder auch sich habilitieren wollen, gar keine andere Möglichkeit haben, sich entsprechend zu qualifizieren. Auch hier findet dann Ausbeutung von SelbstausbeuterInnen statt...

Liebe Grüße,

Ray
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Jadzia Dachs » Di 21. Mär 2017, 19:29

Lieber Ray,

vielleicht könnte man das in der Theorie "versteckten Zwang" nennen? In der Praxis scheint es mir eher der Fall zu sein, dass viele Museumsleiter einfach nur wollen, dass der Laden läuft. Der dafür gemessene Parameter ist die Besucherzahl. Was man von so einer betriebswirtschaftlichen Statistik halten mag, ist noch eine andere Frage. Für die wiederholte Buchung eines Mitarbeiters und für die Häufigkeit seiner Buchung sind in der Regel ganz andere Faktoren entscheidend. Das können strukturelle Faktoren sein wie das ausreichende Vorhandensein von Budget oder auch völlig andere irrationale menschliche Gründe. Was die Situation der freiberuflichen Mitarbeiter nur noch verschlimmert. Daher finde ich einen Berufsverband für sinnvoll, an dem alle Beteiligten wie das leitende, das angestellte und das freiberufliche Personal gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten sucht und diese versucht politisch durchzusetzen.

Die ganze Vollzeitarbeit über zwei Wochen, die Du für den Uni-Sektor detailliert zusammengerechnet hast, ist ein völliger Wahnsinn! Da spart die Uni die Hälfte Deines monatlichen Gehaltes ein, die sie Dir draufzahlen müsste, im Verhältnis von erbrachter Leistung zum Gehalt. Es ist ein Jammer, dass das im gesamten Bildungssektor so läuft, denn diese zwei Wochen Arbeitszeit kommen durch jegliche Unterrichts- und auch Ausstellungsvorbereitung schnell zusammen.

Was du auch zu recht ansprichst: die Betriebsausgaben! wie bei einem Freiberufler die Werbungskosten genannt werden, da er/sie im Sinne des Steuerrechts ein Unternehmer ist. Fahrtkosten, Computer, Kleidung. Letzteres klingt nach einem Mädchenthema, ist aber eine ernste Sache. Diese Ausgaben sind kostenspielig und können auch nur von der Steuer abgesetzt werden, wenn der Freiberufler über den Steuerfreibetrag verdient. Verdient er/sie zu wenig, muss er/sie ALG II beantragen und darf sich die betrieblichen Ausgaben wie die Fahrtkosten anrechnen lassen ohne Abzüge von der sog. "Grundsicherung" zu riskieren. Das trifft allerdings nicht auf die Berufskleidung zu, die im Museumsdienst wenigstens einem casual entsprechen und für die "wichtigen" Besuchergruppen sogar noch darüber hinausgehen sollte. Der Gesetzgeber begründet das mit einem Konjunktiv, die bürgerliche Kleidung im Privatleben tragen zu können.


Liebe Grüße,
Dax

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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Jasmin Rauhaus » Do 23. Mär 2017, 12:42

Nachdem ich nun verspätet ins Forum gestartet bin, möchte ich als Mutter eines 4-jährigen Sohnes gerne meine Geschichte als Fallbeispiel einbringen. Kurz bevor ich mein Examen beginnen wollte bin ich überraschend schwanger geworden. Die Freude über den Familienzuwachs war groß. Ich war damals 28 Jahre alt und dachte, dass ich das Examen, die Abschlussfinanzierung meines Studiums und die Schwangerschaft locker auf die Reihe bekommen würde (wo ein Wille ist, ist auch ein Weg). Die Vorstellung im 1. Lebensjahr mit meinem Baby daheim zu bleiben um meine berufliche Zukunft zu planen war großartig. Leider kam es dann aus vielen Gründen anders als geplant. Für meinen Abschluss sollte ich dann tatsächlich noch über 3 Jahre brauchen. Als Jakob 1 Jahr alt wurde begann ich in Teilzeit in der Denkmalpflege zu arbeiten, ich hatte das Glück fast zwei Jahre lang immer wieder einen Anschlussvertrag zu erhalten. Seit Februar 2016 bekomme ich nun keine Verträge mehr.

Seit der Schwangerschaft war ich eigentlich nur noch am jonglieren zwischen Geld verdienen, Examen, unbezahlten Engagements (die für ein Weiterkommen unerlässlich erscheinen), Haushalt, Kind usw. Für mich selbst, oder meine Beziehung habe ich seit dem eigentlich keine Zeit mehr. Keine Zeit, wenig Schlaf und viele Sorgen führen letztendlich zur Angeschlagenheit (Kopfweh, Neurodermitis usw.) Wir waren in den letzten 4 Jahren einmal im Urlaub, da wir für so etwas weder Zeit noch Geld haben. Wir leben von Monat zu Monat mit Existenzängsten, da wir zumeist nur sehr kurze Verträge haben. Oft können wir finanziell nicht weiter als 4 Wochen voraus planen, d.h. beispielsweise auch, dass ich mich oft nur ganz kurzfristig für Tagungen anmelden kann, eben dann, wenn das Geld reicht.

Mein Partner, vier Jahre jünger, studiert ebenfalls Archäologie und hat es seit dem nicht geschafft seinen Abschluss zu machen. Er ist in der Regel in Baden-Württemberg oder auch in der Schweiz auf Ausgrabung über die Denkmalpflege/Kantonsarchäologie. D.h. ich bin die Hälfte vom Jahr allein mit Kind (was meine berufliche Flexibilität einschränkt). Meinen Abschluss habe ich nun im Mai 2016 geschafft. Da ich durchaus gute und vielseitige Praxiserfahrung aufweisen kann, war ich optimistisch auch eine Stelle zu finden. Ich bewerbe mich ziemlich vielseitig in Baden-Württemberg im Bereich Kultur und Verwaltung, dennoch scheint es schier unmöglich zu sein eine Stelle zu finden. Vieles kommt nicht in Frage, da mein Partner beruflich immer wieder weg ist, d.h. ich kann mich nur in einem kleinen Radius auf (Vollzeit-)Stellen bewerben. Zur Zeit suche ich auch in Grenzgebiete um BW herum Stellen in Teilzeit um ggf. ab dem Herbst 3-4 Tage unter der Woche von woanders aus zu arbeiten, da mein Partner eine 65%-Stelle in Tübingen bekommen soll (Freude).

Ich, als Frau Anfang 30 mit kleinem Kind, merke aber deutlich, dass ich bei der hohen Konkurrenz nur wenig Chancen auf eine Stelle in der Archäologie/Kulturwissenschaften habe. Obwohl ich versuche sehr flexibel und offen zu sein, werde ich doch auch immer wieder gefragt (z.B. bei Vorstellungsgesprächen), ob und wie ich das mit dem Kind schaffe. Einladungen zu Vorstellungsgesprächen habe ich überhaupt erst bekommen, seit dem ich meinen Familienstatus aus meinem Lebenslauf entfernt habe. In der Archäologie wird sehr, sehr viel an Leistungsbereitschaft erwartet. Überstunden, unentgeltliche Engagements usw. Es ist deutlich, dass Personen mit kleinen Kindern, vor allem Frauen, bei dem starken Wettbewerb geringere Chancen haben. Die Befürchtung man sei nicht leistungsstark, ständig krank bzw. die Kinder usw. sind da, vielleicht auch gar nicht unberechtigt. Ein Grund warum ich mich auf Volontariate nicht mehr bewerbe. Für mich ist es eine Berg- und Talfahrt, dennoch bleibe ich optimistisch. Zur Zeit lehre ich in Tübingen und den einen oder anderen kleinen Job ziehe ich dann doch wieder an Land. Ob wir dauerhaft beide in der Archäologie bleiben können ist aber fraglich.
Hier wurde auch ganz zu Anfang die Frage gestellt, ob eher die Frauen in Teilzeit gehen. Bei uns ist es so, da es für meinen Partner sehr viel leichter ist Vollzeitstellen zu bekommen. Er wird angefragt, ich sehr viel weniger. Ebenso für Doktorandenstellen (hier habe ich das Gefühl gar nicht wahrgenommen zu werden). Er wird nie gefragt ob er Familie und Beruf unter einen Hut bekommt. Daher stellt sich dauerhaft wohl eher für mich die Frage ob ich mich beruflich umorientieren muss.
Jasmin Rauhaus M.A. (Ur- und Frühgeschichte)
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Birgit Anzenberger » Do 23. Mär 2017, 13:37

Liebe Jasmin,

danke für Deine Geschichte, die wohl nicht nur in der Archäologie viele Parallelen findet. Uns ging es nicht viel anders, unsere Tochter wurde geboren, da haben wir beide noch studiert. Mein Mann hat in der Schweiz promoviert und dann viel in den neuen Bundesländern gearbeitet. Ich war zu Hause, mit einem abgeschlossenen Studium und einem Kleinkind. Das war nun bei uns in Bayern gerade die Zeit, in der das Grabungswesen aus der öffentliche in die private Hand gewandert ist. Und da habe ich das umgesetzt, was ich schon während dem Studium immer gesagt habe: Ich mache eine Grabungsfirma auf. Ich glaube ich hatte das Glück gerade zur richtigen Zeit in dieser Situation zu sein. Aber das ist am Anfang - und mit Anfang meine ich die ersten 10 - 15 Jahre! - ein schweres Geschäft gewesen. So richtig rausgekommen aus dem Ein-Mann-Betrieb bin ich lange nicht. Zwischenzeitlich hatte ich mal 2 angestellte Archäologen, die ich aber nicht über den Winter bringen konnte..... Na ja, langer Rede kurzer Sinn. Als dann mein Mann und ich die Zeitverträge in den neuen Bundesländern satt hatten und ich gesagt habe, wenn Du für das Landesamt in Sachsen-Anhalt arbeiten kannst, dann kannst Du das auch für mich in Bayern. Jetzt waren wir zu zweit und laaaaangsam ging es bergauf. Meine Lehre daraus war, dass wir eben nicht nur Männer anstellen, sondern auch und vor allem Frauen. Mit allen Vor- und Nachteilen. Auch unsere Firma muss es kompensieren, dass Mütter (und die sind es eben, die sich um die Kinder kümmern, egal ob wir das für sinnvoll oder nicht erachten) bei ihren kranken Kindern bleiben müssen, dass sie nicht so flexibel sind, was Arbeitszeit und -ort angeht, etc. Aber ich glaube, dass wir in der Firma auch von den Müttern profitieren. Und immer, wenn wieder eine Mitarbeiterin zu mir kommt und sagt, dass sie schwanger ist, freue ich mich ehrlich! Auch wenn es für uns manchmal nicht so einfach ist, für eine eingearbeitete Mitarbeiterin eine adäquate Mutterschaftsvertretung zu finden. Im Moment hat unsere Firma (meine Tochter und alle "großen" Kinder nicht mehr mitgerechnet) 8 Kinder, und eines wird gerade produziert :). Was ich sagen will: nicht verzagen, vielleicht gibt es auch in deiner Nähe eine FirmenchefIn, die ihre eigene Geschichte nicht ganz vergessen hat!
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Kristin Oswald » Do 23. Mär 2017, 14:24

Liebe Jasmin,

ich kann Frau Anzenberger nur zustimmen. Ich glaube, dass es nach wie vor viele Vorbehalte gegenüber Frauen im "kritischen Alter" gibt. Ich arbeite in einer Firma, die sich zwar nicht primär mit archäologischen Themen, aber mit Kultur und Medien beschäftigt, und mein Chef, der auch im Bereich Personalbesetzung tätig ist, vertritt dieselbe Ansicht wie Frau Anzenberger. Die Mehrheit meiner Kollegen sind junge Frauen. Die doch recht kleine Firma kommt inzwischen auf fünf Kinder, Tendenz steigend :) dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Homeoffice usw. Mein Chef macht das, weil seine Erfahrungen bei uns und im breiten Kulturbereich ihn davon überzeugt haben, dass Frauen sehr motiviert sind, viele Kompetenzen haben und oft einfach besser qualifiziert sind als die männlichen Bewerber. Dafür nimmt er Kinderkrankheit, Elternzeit etc. gern in Kauf. Ich denke, dass diese Ansicht immer öfter anzutreffen ist, gerade im privatwirtschaftlichen Bereich, in dem es mehr Freiheiten bezüglich der Arbeitsgestaltung gibt. Gleichzeitig weiß ich, dass sich auch der öffentliche Dienst sehr um solche Dinge bemüht. Hier sind das Problem meiner Meinung nach oft die älteren männlichen Chefs mit klassischem Familienbild, die darüber entscheiden, wer eingestellt wird. Trotzdem: Lass den Kopf nicht hängen. Und nicht mehr primär wissenschaftliche zu arbeiten (so wie ich), heißt nicht, dass man nichts mehr mit dem Fach zu tun hat oder etwas ganz Fernes machen muss.
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Re: Archäologie und Familie

Beitragvon Jadzia Dachs » Do 23. Mär 2017, 21:27

Liebe Jasmin,

das ist wirklich ein Problem, was Du ansprichst. Frauen mit Kind haben es immer wieder schwer bei der Jobsuche. Und ab einem bestimmten Alter über 30 haben es auch kinderlose Frauen nicht einfach, weil es immer wieder Arbeitgeber gibt, die ihnen unterstellen, Kinder in die Welt zu setzen und dann befürchten, Mutterschutz zahlen zu müssen. Leider ist das meiner Erfahrung nach bittere Realität.

Dass frauenphobe Arbeitgeber aber auch die Vorteile übersehen, wie Birgit Anzenberger zu recht schon erwähnt hat, stimmt auch. In der Museumspädagogik ist mir beispielsweise aufgefallen, dass Mitarbeiterinnen, die selbst Mutter sind, viel besser mit den Kleinkindern kommunizieren können als kinderlose Frauen wie ich eine bin. Eine Mutter kann z.B. einem Kind bei einer Bastelaktion, die ja extra für die Kleinen veranstaltet werden, ganz anders erklären, was es da machen soll. Sie drückt sich da einfach sprachlich so aus, wie es das Kind versteht. Einfach, weil sie ja jeden Tag mit ihrem eigenen Kind kommuniziert, hat sie es verinnerlicht, was bei einem Kind ankommt. Aufgrund ihrer Entwicklung folgen Kinder ja einer "anderen Logik" als Erwachsene es tun. Für eine kinderlose Frau ist daher die Kommunikation mit den Kleinen eher eine Art Fremdsprache.


Halte daher die Öhrchen steif und Spitz wie Spock!
Ich wünsche dir viel Glück,
Dax


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